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Wolfgang Steguweit erhält das Bundesverdienstkreuz

von Ursula Kampmann

Wolfgang Steguweit gehört zu den profiliertesten und engagiertesten Numismatikern Deutschlands. Nun wurde seine Hingabe vom deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland – vulgo Bundesverdienstkreuz – anerkannt.

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Foto: Thüringer Staatskanzlei / Jacob Schröter.

Foto: Thüringer Staatskanzlei / Jacob Schröter.

Am 11. Mai 2024 überreichte Ministerpräsident Bodo Ramelow im Auftrag des Bundespräsidenten die Auszeichnung. Er würdigte den Numismatiker mit den Worten: „Ich danke Dr. Wolfgang Steguweit für 40 Jahre aktiver Museumsarbeit, die immer mit Ihrer Leidenschaft für die Medaille einerseits oder andererseits für die Kultur- und Kunstgeschichte verbunden war. Als eine äußerst aktive ehrenamtliche Persönlichkeit ist Dr. Steguweit für Gotha und für Thüringen ein absoluter Glücksfall. Für sein Lebenswerk, welches geprägt ist von beispiellosem Einsatz, Engagement und einem tiefen Verständnis für Kunst, Kultur und Geschichte, wird er mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.“

Wolfgang Steguweit bedankt sich nach der Überreichung der Auszeichnung durch Ministerpräsident Bodo Ramelow. Foto: Thüringer Staatskanzlei / Jacob Schröter.

Wolfgang Steguweit bedankt sich nach der Überreichung der Auszeichnung durch Ministerpräsident Bodo Ramelow. Foto: Thüringer Staatskanzlei / Jacob Schröter.

Wir, das Team der MünzenWoche, freuen uns über diese verdiente Auszeichnung. Denn Wolfgang Steguweit gehört zu den Menschen, die nicht nur für die Numismatik viel bewegt haben, sondern auch für das Zusammenwachsen von Ost und West.

Eine Geburt im Krieg, eine Jugend in der DDR

Geboren im vorletzten Kriegsjahr am 30. Januar 1944 im heute russischen Königsberg, verschlug es ihn und seine Mutter Gerda in das kleine Dorf Karstädt bei Ludwigslust, wo der aus belgischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Vater krank und vorzeitig gealtert im Jahr 1947 wieder zu seiner Familie stieß. Er sollte bereits 1959 an den Folgen des Kriegs sterben und es seiner Frau überlassen, für das gemeinsame Kind zu sorgen. Die tat es in den Härten der Nachkriegszeit als Arbeiterin in einer LPG, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

Viele Menschen hatten damals Träume und flüchteten aus der rauen Realität mittels Musik, Bücher oder dem Kino. Für Wolfgang Steguweit waren es die Münzen, die ihn in fremde Welten entführten. Denn er hatte bereits in der Grundschule das Münzsammeln für sich entdeckt: „Auf dem Weg zur Grundschule hatte ich eines Tages ein Schlüsselerlebnis, das mich für alle Zeit prägen sollte. Ich entdeckte im Gebüsch am Wegesrand eine Kupfermünze. Es war ein … half Penny des britischen Königs Georgs VI. … mit einem Segelschiff auf der Rückseite. … Münzen waren seitdem mein „Traumschiff“.“

Doch damals machte man die Numismatik nicht einfach so zu seinem Beruf. Der Staat beeinflusste, was studiert wurde. Und so absolvierte Wolfgang Steguweit nach dem Abitur im Jahr 1962 ein Studium der Kunstgeschichte, Kunsterziehung, Germanistik und Pädagogik in Dresden. Nicht weil das sein Traumstudium gewesen wäre, sondern weil es in den frühen 1960er Jahren nur Lehrern möglich war, sich für so „überflüssige“ Fächer wie Kunstgeschichte einzuschreiben.

Irgendwie manövrierte sich der couragierte und unabhängig denkende junge Mann durch die Zumutungen eines autoritären Staates, der auch ihn für seine Zwecke zu (miss-)brauchen versuchte. Seine dicke Akte bei der Stasi, die er nach der Wende aufmerksam las, erklärte ihm vieles, was ihm während DDR-Zeiten unerklärlich schien. In einem aber hatte er unsagbar Glück: Die Betreuerstelle im Münzkabinett des Schlossmuseums Gotha war vakant. Die Direktorin wollte den jungen Numismatiker haben. Und nach einer längeren Wartezeit im Schuldienst, durfte Wolfgang Steguweit eben diese Position übernehmen.

Ganz gleich ob im ehemaligen Osten oder im ehemaligen Westen: Wolfgang Steguweit war immer ein gern gesehener Gast für Vorträge. Foto: UK.

Ganz gleich ob im ehemaligen Osten oder im ehemaligen Westen: Wolfgang Steguweit war immer ein gern gesehener Gast für Vorträge. Foto: UK.

Ein Leben für die Numismatik

Ab hier beginnt das „wahre“ Leben von Wolfgang Steguweit, als er endlich seine Berufung leben durfte. Zum 1. September 1971 trat er seinen Dienst in Schloss Friedenstein / Gotha an mit einem Gehalt von immerhin 799,- Mark. Unter heute kaum mehr vorstellbaren Bedingungen machte er Ausstellungen, publizierte und vergrößerte mittels Erwerbungen die Sammlung. Unglaubliche 14.646 Objekte, für die rund 130.000 DDR-Mark bewilligt worden waren, liegen heute dank Wolfgang Steguweit im Münzkabinett von Gotha.

1980 wurde er mit einer Dissertation über die „Geschichte der Münzstätte Gotha in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts“ promoviert. Aber natürlich war das nur die Spitze des Eisbergs seiner wissenschaftlichen Arbeit. Reisen zu Kongressen in westliche Länder wurden ihm zwar regelmäßig von den zuständigen Behörden verboten, dafür dehnte er sein Beziehungsnetz durch zahlreiche Besuche in osteuropäischen Nationen aus. Dort traf er sich auch mit vielen bedeutenden Numismatikern der demokratischen Länder, die gerne seine Einladung annahmen, in Gotha einen Vortrag zu halten.

1988 berief der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin Wolfgang Steguweit in Übereinstimmung mit dem Ministerium für Kultur zum Direktor des Münzkabinetts. Damit war er an genau der richtigen Stelle, um bei der Liquidation des DDR-eigenen Unternehmens zur Devisenbeschaffung „KoKo“ die musealen Bestände zu sichten und die wichtigsten Preziosen für die Münzkabinette der neuen Bundesländer zu sichern. 1.500 Raritäten verdanken ihren Platz in öffentlichen Sammlungen dem Arbeitswillen von Wolfgang Steguweit, der zusätzlich zu seinem normalen Dienst seine Freizeit opferte, um die riesigen Bestände der „KoKo“ durchzugehen. Er achtete damals sorgfältig darauf, dass diese Bestände getrennt katalogisiert wurden, um bei berechtigten Forderungen nach Rückgabe die Stücke wieder ihren ursprünglichen Besitzern übergeben zu können.

Fast noch bemerkenswerter und charakteristischer ist ein Schritt, den Wolfgang Steguweit im Jahr 1992 vollzog. Er trat von seinem Amt als Direktor des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin zurück, um bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 als stellvertretender Direktor und Hauptkustos seine Aufgaben zu erfüllen. Es dürfte wenige Menschen geben, denen ihre Tätigkeit wichtiger ist als Amt und Würden.

Eine Liebe zu den Medaillen

Wer heute den Namen Wolfgang Steguweit liest, denkt eigentlich sofort an Medaillen. Denn ihnen gilt die große Liebe des Geehrten. Das zieht sich nicht nur durch seine wissenschaftlichen Publikationen, sondern auch durch seine sonstigen Aktivitäten. 1991 gründete er die Deutsche Gesellschaft für Medaillenkunst, deren Vorsitz er viele Jahre lang führte. Er war Delegierter für Deutschland bei den FIDEM Kongressen und organisierte selbst im Jahr 2000 einen solchen Kongress in Weimar. Er ist Initiator des Hilde-Broër-Preises, mit dem Medailleure ausgezeichnet werden und er ist Begründer der Schriftenreihe „Die Kunstmedaille der Gegenwart in Deutschland“.

Beim Schätzen der Aurei aus der Sammlung von Gotha: Wolfgang Steguweit und Ursula Kampmann arbeiten effektiv zusammen. Foto: Frank Berger.

Beim Schätzen der Aurei aus der Sammlung von Gotha: Wolfgang Steguweit und Ursula Kampmann arbeiten effektiv zusammen. Foto: Frank Berger.

Ein paar persönliche Worte und Erinnerungen an schöne Stunden in Coburg

Ich kannte Wolfgang Steguweit schon seit vielen Jahren vom Sehen, aber richtig kennengelernt, habe ich ihn „erst“ im Jahr 2007. Damals rief er mich an. Er bat mich in einem Ton, den man durchaus als verschwörerisch beschreiben könnte, seinen Anruf vertraulich zu behandeln. Und dann folgte eine unglaubliche Geschichte, in deren Mittelpunkt ein paar schwere Kästen mit Münzen standen, die auf Schloss Coburg aufgetaucht waren. In ihnen befand sich erstens die gesamte Sammlung an antiken Münzen aus Gotha, zweitens die neuzeitlichen Zimelien der Sammlung, die vor dem Kriegsende unter ungeklärten Umständen in den Westen gebracht wurden. Wolfgang Steguweit bemühte sich um die Rückführung der Münzen ins Münzkabinett von Gotha und brauchte dafür jemanden, der über genug Fachwissen verfügte, um schnell eine Schätzung vorzunehmen, aber keinerlei Interesse daran hatte, den Besitzern zur Auktion zu raten. Und die Münzen hätten eine prachtvolle Auktion abgegeben! Ich war einige Jahre zuvor aus dem Münzhandel ausgeschieden. Deshalb war seine Wahl auf mich gefallen.

Und so fuhr ich also durch einen wütenden Schneesturm Anfang Dezember nach Coburg. Wir hatten zwei Tage, um die ca. 16.000 Münzen und Medaillen marktgerecht zu bewerten. Es war harte Arbeit, der sich Frank Berger, Wolfgang Steguweit und ich in einem kleinen, etwas überheizten Raum der Coburger Forstverwaltung unterzogen. Damals lernte ich den eisernen Willen von Wolfgang Steguweit kennen. Es gab nie eine Diskussion, ob wir die Arbeit schaffen würden, sondern nur wie. Mit viel Humor, Energie, aber immer seinem klaren Ziel vor Augen brachte er so die Informationen zusammen, die zur Grundlage für die spätere Rückführung werden sollte.

Heute liegen diese Münzen wieder in Gotha. Nach drei Jahren zähen Verhandlungen konnte der geforderte Preis durch zwei Mäzene – Fritz Rudolf Künker und Friedrich Popken –, das Land Thüringen und die Kulturstiftung der Länder aufgebracht werden. Die Ernst von Siemens Kunststiftung war mit einer langfristigen Vorfinanzierung mit im Boot.

Detailansicht der Medaille von Nikolaus Seeländer auf die Einrichtung des Gothaer Münzkabinetts durch Herzog Friedrich II. von 1713. – Eines der Lieblingsstücke von Wolfgang Steguweit aus der Rückführung nach Gotha. Foto: KW.

Detailansicht der Medaille von Nikolaus Seeländer auf die Einrichtung des Gothaer Münzkabinetts durch Herzog Friedrich II. von 1713. – Eines der Lieblingsstücke von Wolfgang Steguweit aus der Rückführung nach Gotha. Foto: KW.

Gratulamur!

Wenn Wolfgang Steguweit nun das Bundesverdienstkreuz trägt, dann steht es für vieles, das er in seinem Leben erreicht hat. Es steht seinen Einsatz, deutsches numismatisches Kulturgut für die Öffentlichkeit zu sichern. Es steht für seine Leistungen, neues, zeitgenössisches Kulturgut zu schaffen. Für mich steht es aber auch für seine Fähigkeit, die Grenzen in unseren Köpfen einzureißen, um gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten.

Wir von der MünzenWoche gratulieren! Wir freuen uns mit dem so Geehrten und darüber, dass der deutsche Bundespräsident einen ehrt, der die Numismatik genauso liebt wie wir!

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