Die neue Transgender-Identität des Elagabal und ihre Auswirkungen auf den Münzmarkt

von Ursula Kampmann

Kannten Sie letzten Monat das North Hertfordshire Museum? Ich kannte es nicht, dabei kenne ich eigentlich ziemlich viele Museen, die sich mit Numismatik und antiker Kunst beschäftigen. Der Grund dafür könnte sein, dass das North Hertfordshire Museum ein Mehrspartenhaus ist, das neben der Archäologie die Ethnographie, den Fußball, die Pharmazie, die Naturgeschichte und eben auch die Numismatik bedient.

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Elagabal. Ny Carlsberg Glyptotek. Foto: UK.

Elagabal. Ny Carlsberg Glyptotek. Foto: UK.

Auf der Website des Museums erfährt man, dass seine Münzsammlung seit 1914 besteht und die typischen keltischen und römischen Münzen enthält, dazu eine umfangreiche Partie Großbritannien und eine kleine Serie Europa. Einen Numismatiker leistet sich das Museum nicht. Wozu auch. Schließlich verstehen in North Hertfordshire selbst die Politiker genug von Geschichte, um endlich ein großes Unrecht zu beseitigen: Keith Hoskins, Councillor und Executive Member for Enterprise and Arts, verkündet, dass das regionale Museum endlich dem römischen Kaiser Elagabal seine wahre Identität zurückgeben wolle. Der Kaiser war nämlich – so jedenfalls Hoskins – trans. Diese Erkenntnis verdankt er Ollie Burns, einem Absolventen der Universität von Birmingham. Der verfasste eine Abschlussarbeit über Elagabal, bei der er zu dieser fundamental neuen Erkenntnis kam.

Er interpretiert Elagabals Geschlechtsidentität anhand einer Textstelle von Casius Dio wie folgt: 

„Dieser Auszug [Cassius Dio, 80. Buch] legt nahe, dass Elagabal zwar heiratete und tatsächlich Sex mit Frauen hatte, dies aber nur tat, damit Elagabal herausfinden konnte, wie Frauen sich verhielten, um dieses Verhalten im Umgang mit männlichen Partnern zu imitieren, was auf Homosexualität schließen lässt. Elagabal hatte die Angewohnheit, in die Rolle einer weiblichen Prostituierten zu schlüpfen, um Männer zu verführen. Dies zeigt eine Ablehnung der traditionellen männlichen Geschlechtsidentität im antiken Rom, der zufolge Männer (insbesondere Männer von Rang) als schwach und verweichlicht galten, wenn sie sich von anderen Männern penetrieren ließen. Es ist zudem bekannt, dass Elagabal auch einen Mann heiratete, den Wagenlenker und ehemaligen Sklaven Hierocles, und sich gern als Hierocles Frau oder Mätresse bezeichnen ließ. Elagabal soll zudem häufig Perücken getragen und sich geschminkt haben, die Anrede „Domina“ (Frau) der Anrede „Dominus“ (Herr) vorgezogen haben und bereit gewesen sein, demjenigen Arzt eine große Summe zu zahlen, der Elagabal eine Vagina geben könne.“

Hermaphrodit – aus Gründen der Kompatibilität mit Google & anderen Moralwächtern dezent von hinten abgebildet. Foto: UK.

Hermaphrodit – aus Gründen der Kompatibilität mit Google & anderen Moralwächtern dezent von hinten abgebildet. Foto: UK.

Hermaphroditen und Transsexualität

Nun war die Antike viel freier in Sachen Sexualität als unsere prüden Zeitgenossen es sich vorstellen möchten. Während ich erst im reifen Alter von über 40 erfahren habe, dass es tatsächlich Menschen gibt, die bei ihrer Geburt Merkmale beider Geschlechter zeigen, haben antike Bildhauer seit jeher die Schönheit der Körper von Hermaphroditen gefeiert. Transgeschlechtlichkeit war für die Griechen ebenfalls ein Thema. Immerhin schrieben sie dem mythischen Seher Teiresias zu, in beiden Geschlechtern gelebt zu haben. Deshalb konsultierten ihn Zeus und Hera, als sie einen Ehestreit hatten, wer nun mehr Genuss am sexuellen Akt habe, Mann oder Frau.

Wenn wir uns mit den vom 19. und 20. Jahrhundert unzensierten Texten der Antike beschäftigen, werden wir immer wieder feststellen, wie locker die Autoren mit Themen umgehen, die bei uns geradezu tabuisiert sind. Wie ist also auf diesem Hintergrund Cassius Dio und seine Schilderung des Elagabal als Transfrau einzuschätzen?

Lawrence Alma-Tadema, Die Rosen des Heliogabalus. Gemälde von 1888.

Lawrence Alma-Tadema, Die Rosen des Heliogabalus. Gemälde von 1888.

Warum schreibt Cassius Dio überhaupt über das Sexualleben von Elagabal?

Denn die Grundfrage ist doch: Warum thematisiert Cassius Dio die Gerüchte über Elagabal derart genüsslich? Jeder spezialisierte Historiker, der weiß, was Quellenkritik ist, kann diese Frage beantworten: Die antiken Historiker kannten die moderne Psychologie einer gebrochenen Persönlichkeit nicht. Für sie war ein Kaiser entweder ein Vorbild voller Tugend oder ein Verbrecher, für den es nur die damnatio memoriae geben durfte, also die politische Entscheidung, ihn und seine Herrschaft der Vergessenheit anheim zu stellen.

Elagabal gehörte ganz offiziell in die zweite Kategorie. Über ihn verhängte der Senat nach seiner Ermordung im Jahr 222 n. Chr. die damnatio memoriae. 

Elagabal war also ein Kaiser, den ein Historiker nur mit den schlimmsten Eigenschaften ausstatten durfte. Das lesen wir exakt so in Cassius Dios Einleitung zu Elagabal: „Ich hätte das Leben des Heliogabalus Antoninus … nie zu Papier gebracht, auf dass niemand erfahre, dass er römischer Kaiser gewesen ist, wenn nicht dasselbe Imperium zuvor Caligulen und Neros und Vitelliusse gehabt hätte. Aber wie derselbe Boden Giftpflanzen und Getreide oder andere Nutzpflanzen trägt, wird sich der aufmerksame Leser einen Ausgleich verschaffen, wenn er Augustus, Trajan, Vespasian, Hadrian, Pius, Titus, Marcus im Vergleich mit diesem verheerenden Tyrannen liest.“

Cassius Dio schilderte also mit Elagabal einen typischen Tyrannen. Und dafür mischte er die verschiedenen Tyrannentopoi munter durcheinander. Das „weibische“ Auftreten gehörte dazu. Gute Kaiser waren männlich, liebten das Militär und zeigten persönliche Tapferkeit. Schlechte Kaiser zeigten weibische Züge, gaben sich Ausschweifungen hin und versagten angesichts der Gefahr. Natürlich sehen wir das heute anders. Gut so!

Auch die Sache mit den Zitaten würden wir heute anders interpretieren. Zitate waren für römische Autoren nicht etwas, was ein Kaiser tatsächlich gesagt hatte, sondern was man ihm zutraute, gesagt zu haben. Ein Stilmittel, das man frei erfinden konnte! Denn, glauben Sie mir, so viele politische Fehlgriffe Elagabal gemacht haben mag, es ist höchst unwahrscheinlich, dass er tatsächlich so dämlich war, als Kaiser einen Wunsch zu äußern, der ihn als Herrscher untragbar gemacht hätte. 

Die Quintessenz: Cassius Dio verleumdet einen Herrscher, um ihn zu diskreditieren! Und wenn das North Hertfordshire Museum Elagabal offiziell als Frau behandelt, dann geht es den gezielten Verleumdungen eines antiken Politikers auf den Leim. Elagabal wäre darüber entsetzt gewesen. Und dass viele Menschen heute Transgender-Personen toll und faszinierend finden, hätte Elagabal wahrscheinlich nicht interessiert.

Auswirkungen der Transgender-Diskussion auf den Münzmarkt

Nun könnte man es dabei belassen, die ganze Transgender-Diskussion über Elagabal als einen gelungenen PR-Gag eines Provinzmuseums zu bezeichnen. Wenn nicht die Öffentlichkeit derart geschichtsvergessen wäre, dass sie geneigt ist, den Blödsinn zu glauben. Das ist übrigens auch nicht neu! Menschen haben immer lieber Skandalgeschichten geglaubt, als der Wahrheit nachzuforschen. So wurden die Schilderungen von Sueton und Tacitus in vielen Fällen erst von Historikern des letzten halben Jahrhunderts widerlegt. 

Und so stellt sich kaum jemand die Frage nach der Plausibilität der These von Ollie Burns. Kein Wunder! Die meisten, die da diskutieren, dürften bis vor kurzem nicht einmal gewusst haben, dass es einen Kaiser namens Elagabal gab und dass er Münzen prägte.

Achtung! Shitstorm droht

Das Problem dabei ist, dass in der jüngsten Vergangenheit immer öfter eine unaufgeklärte Öffentlichkeit das Bedürfnis verspürt, historisches Unrecht gerade zu rücken, und zwar ohne sich um lästige historische Details zu kümmern. Ich sehe im Geiste schon, wie die Tugendwächter der LGBTQ+ Bewegung jedes einzelne Museum, jeden einzelnen Münzhändler systematisch an den virtuellen Pranger stellen, nur weil die Verantwortlichen der vermeintlichen Transperson Elagabal in ihren Münzkommentaren das falsche Pronomen zugeordnet haben. Ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen: Gegen einen Shitstorm kann man nicht argumentieren.

Eine Supermasche fürs Marketing

Auf der anderen Seite begreife ich, welch geniales Marketing Tool uns die Diskussion in die Hand gibt. Das zeigt die Erfahrung mit den Münzen von Kaiser Hadrian. Sie werden wesentlich teurer gehandelt als die seiner Kollegen, einfach weil Hadrian als Ikone der Schwulenbewegung gilt.

Es dürfte also durchaus Kollegen geben, die das modische Regenbogen-Label nutzen werden, um ihr Lager an Münzen des Elagabal zu Höchstpreisen zu räumen. Ich sehe schon Anzeigen auf den einschlägigen Foren oder einen kleinen Stand mit Münzen für jede Geschlechteridentität bei der nächsten Zurich Pride.

Natürlich ist letzteres eher witzig gemeint, aber wir wissen doch alle, dass es immer noch Münzhandlungen gibt, die Spintrien als Bordellmarken verkaufen, weil sich damit einfach höhere Preise erzielen lassen. Höherer Preis versus historische Korrektheit, da siegt bei den meisten das erstere.

Welches Geschlecht hatte nun Elagabal?

Wie sollen wir nun mit diesem ganzen Hype um die Transgender-Identität des Elagabal umgehen? Nun, schweigen wir ihn tot und bleiben wir bei der korrekten Ansprache. Ducken wir uns weg unter dem Shitstorm und bewahren wir uns unsere historische Integrität. Nicht weil wir homophob oder gegen Transgender sind, sondern weil es so etwas wie Quellenkritik gibt. Kämpfen wir lieber dafür, dass JETZT UND HEUTE allen Menschen, gleich welcher Rasse, welcher Nation, welchen Geschlechts, welchen Alters, welcher Religion die gleiche Achtung entgegengebracht wird. Und fangen wir selbst an, dies zu tun. Dann brauchen wir nicht in der Vergangenheit herumzustochern, um irgendwelchen Menschen vermeintlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die sich dagegen nicht mehr wehren können.