Von „Schmuddel-Heftchen“ zum Wertevermittler – wie die Comics auf die Münzen kamen.

Wie wird eigentlich entschieden, welche Motive auf Münzen kommen? Nun, in der Regel sind es Themen oder Anlässe, die uns als Gesellschaft oder Nation beeinflussen. Themen, mit denen wir uns identifizieren und denen auch eine gewisse Wertschätzung entgegengebracht wird. Was dabei „münzwürdig“ ist, das ändert sich natürlich mit der Zeit. Wir wollen uns auf den folgenden Seiten mit Comics und Cartoon-Figuren auf Münzen beschäftigen – und damit, wie sie sich langsam auf Münzen etablieren.

Der Weg dahin war sehr lang, das ist völlig klar. Der Comic wurde zuerst in den USA so richtig populär. Mit heute noch berühmten Figuren wie Micky Maus und Superman trat er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Siegeszug um den Erdball an – nicht zuletzt, weil amerikanische Soldaten oft Comics mit sich führten.

Schund!

Besonders in Europa galten Comics zunächst als „Schmuddel-Literatur“. Kinder freundeten sich schnell mit dem neuen Format an, ihre Eltern waren oft eher skeptisch. Ordentliche Bücher sollen die Kinder gefälligst lesen, wo man etwas lernen kann! Stattdessen schauen sie sich bunte Bildchen an! Da verblödet man doch! Ich bin sicher, viele der Leser können sich an ähnliche Kommentare von ihren Eltern erinnern, wenn man als Kind in einem Micky Maus-, Spiderman- oder Asterix-Heft schmökerte.

Seltene Artikel erwerben, sich Kostüme basteln, andere Fans und Schauspieler treffen: Die „Comic Cons“ genannten Messen haben sich global für Fans von Comics und anderen popkulturellen Phänomenen etabliert. Bild: tunechick83 auf Pixabay.

Where Dreams Come True

Seit diesen Tagen hat sich freilich vieles verändert: Heute sind die Comics und ihre Hauptfiguren aus der Populärkultur nicht mehr wegzudenken. Die Superhelden von Marvel und DC haben die große Leinwand im Sturm erobert; Disney ist ein globaler Superkonzern. Auf Messen zelebrieren die hartgesottenen Fans ihre Helden, oft in voller Kostümierung. Comics haben ihr Stigma weitgehend verloren. Dazu hat in Deutschland vor allem der amerikanische Comic „Maus“ beigetragen (deutsche Erstausgabe 1989), in dem der Holocaust mit den Elementen einer Fabel thematisiert wird. Dafür gab es 1992 den ersten Pulitzerpreis für einen Comic-Autoren überhaupt. Der Comic wird in Schulen inzwischen als Unterrichtsmaterial verwendet. Für manche Comics verwendet man inzwischen den Begriff „Graphic Novels“, was verdeutlicht, dass es eben nicht nur um „bunte Bildchen“ geht. Gelegentlich wird der Comic sogar als 9. Kunst bezeichnet.

Und was ist nun mit den Münzen?

Das alles bedeutet aber noch lange nicht, dass der Comic auch auf Münzen etabliert ist. Im Gegenteil: Obwohl der Comic schon seit den 1930er Jahren Erfolge feiert, findet man vor den 1990er Jahren gar keine Münzen mit Comicfiguren. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten tauchen vermehrt solche Stücke auf: größtenteils natürlich Medaillen oder Tokens und keine richtigen Zahlungsmittel, aber auch Gedenkmünzen kommen inzwischen zunehmend vor. Das Mutterland des modernen Comics, die Vereinigten Staaten, waren dahingehend bisher eher eine Stiefmutter: Noch keine einzige Comicfigur wurde bisher auf einem US-Dollar verewigt, trotz der unleugbar enormen kulturellen Bedeutung von Disney und den Superhelden-Franchisen heutzutage – da ist man in den USA konservativ und nimmt vielleicht den Dollar dafür zu ernst.

Superman in Gold. Eine der kanadischen Gedenkmünzen von 2013 mit einem Nominal von $75. Foto: Royal Canadian Mint

Andere sehen das weniger streng. Kanada zum Beispiel brachte 2013 Gedenkmünzen zum 75. Geburtstag von Superman heraus – schließlich war einer seiner beiden Erfinder Kanadier! Es folgten weitere Superhelden und auch die Looney Tunes Charaktere wie Bugs Bunny und Duffy Duck wurden in Kanada schon mit eigenen Münzen geehrt.

Zu den allerersten Münzen mit Comicfiguren gehören die in der Perth Mint hergestellten Gedenkmünzen der Cook Islands: Hier zeigte man schon 1996 Micky Maus, 1999 folgte der faule Kater Garfield. Ebenfalls 1996 war auf Gedenkmünzen von Gibraltar die Familie Feuerstein zu sehen. Das war wie eine Art Startschuss. Im neuen Jahrtausend ging es dann so richtig los.

Robots in Disguise! Die Transformers-Gegenspieler Optimus Prime und Megatron waren 2013 auf den 2 Dollar-Münzen von Niue zu sehen. Foto: New Zealand Mint.

Die Comic-Schwemme

Dahinter steckte natürlich Kalkül, denn mit solchen Münzmotiven spricht man die Menschen an: Einerseits die jüngere Zielgruppe, andererseits aber auch die nostalgischen Sammler, die mit diesen Figuren aufgewachsen sind. Und damit holt man die Menschen unter Umständen viel besser ab als mit den bierernsten Themen der großen, nationalen Münzstätten, die anlässlich der Jubiläen bedeutender Denker oder historischer Ereignisse würdevolle, aber nicht gerade volksnahe Gedenkmünzen produzieren. Da muss man mit der Zeit gehen!

Dass man mit populären Themen auf Sammlermünzen viel Geld machen kann, erkannte auch die New Zealand Mint, die im Namen von Niue im Südpazifik prägt. Dazu gehören natürlich auch die Comics! Ob Snoopy, klassische Disneyfiguren, Superhelden, Transformers oder Miffy. Ob die sowjetisch / russische Zeichentrickserie „Nu, pogodi!“ oder japanische Franchisen wie Hello Kitty oder Pokemon: Niue hatte sie alle zwischen 2001 und 2015 auf Münzen, und das oft massenhaft. Und es sieht nicht so aus, als würden sie bald damit aufhören.

Die große Ausnahme

Liberté! Der legendär starke Obelix repräsentiert einen Teil des französischen Nationalmottos, in dem er mit seinem Bauch eine Gefängnistür aus den Angeln sprengt. Foto: Monnaie de Paris.

In Europa findet sich der Comic bisher kaum auf Münzen. In ganz Europa? Nein! Denn ein von unbeugsamen Galliern bewohntes Land hört nicht auf, Comics auf seine Münzen zu prägen! Frankreich ist der große Sonderfall. Wie auch in Belgien haben Comics dort eine Tradition, die mit einer anderen Wertschätzung des Genres einhergeht. Nicht nur das: Der Comic wurde in diesen Ländern zu einem Teil der nationalen Identität, wie es für uns kaum vorstellbar ist. Das gilt für Tim und Struppi wie für Lucky Luke, vor allem aber für Asterix und Obelix, die seit 2007 schon oft auf französischen Gedenkmünzen waren. Eine Serie von 2015 macht die besondere Stellung völlig unmissverständlich klar:

Sie trägt den Titel „Die Werte der Republik – Les valeurs de la République“ – das sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie Frieden. Sie werden durch verschiedene Szenen aus Asterix symbolisiert. Zum Beispiel durch den starken Obelix, der die „Liberté!“ darstellt, indem er mit seinem Bauch eine Gefängnistür aufsprengt (damit wollen wir natürlich nicht sagen, dass Obelix dick sei!). Man halte sich nur einmal die Aussagekraft dieser Stücke vor Augen! Können Sie sich vorstellen, dass bei uns Einigkeit, Recht und Freiheit auf Gedenkmünzen durch Fix & Foxi oder die Abrafaxe dargestellt wird?

Es ist übrigens nicht nur der einheimische Comic, der von der Monnaie de Paris regemäßig gewürdigt wird. Sie bedenkt in den letzten Jahren regelmäßig auch Micky Maus & Co mit Gedenkmünzen. Die Serie „Mickey Through the Ages“ präsentierte 2016 die zeichnerische Entwicklung der berühmtesten Maus der Welt und brachte damit erstmals Micky auf eine Euro-Sammlermünze. 2017 widmete man Dagobert Duck und seiner „DuckTales“-Familie eine Münzserie – Dagobert ist immerhin Münzsammler, auch wenn es ihm wohl eher darum geht, möglichst viele Münzen in seinem Geldspeicher zu haben, um sich darin ein erfrischendes Geldbad zu gönnen! 2018 gab es dann die hübsche Serie „Mickey & La France“, die Micky zeigt, wie er als Tourist in Frankreich umherreist.

Asterix hat 2019 es als erste Comicfigur auf eine Umlaufgedenkmünze geschafft. Foto: Monnaie de Paris.

Der vorläufige Höhepunkt

Schließlich waren es auch die Franzosen, die letztes Jahr den finalen Schritt wagten und erstmals eine Comicfigur auf eine Umlaufgedenkmünze setzten: Es war wieder Asterix, der anlässlich seines 60. Geburtstages seit März 2019 auf 2-Euro-Münzen zirkuliert.

Und damit sind wir in der Gegenwart angelangt. Wie wird es weitergehen? Es sieht nicht so aus, als würden Comics so bald wieder von den Münzen verschwinden, im Gegenteil.

Ritzeratze! voller Tücke…

Lassen Sie uns abschließend noch einen Blick auf die Situation in Deutschland werfen. Bei uns scheinen Comics weniger als nationales Kulturgut angesehen zu werden – anders als z.B. der Sport. Ein einziger Fall lässt sich mit dem Thema Comic verbinden: Es gab 2007 eine deutsche Gedenkmünze anlässlich des 175. Geburtstags des Erfinders von Max und Moritz, Wilhelm Busch. Seine mit Bildfolgen illustrierten Geschichten gelten als eine Art deutscher Protocomic. Auf der Münze sind die beiden berühmten Lausbuben klein neben dem Portrait ihres Erfinders zu sehen. Näher sind wir dem Thema Comics bisher nicht gekommen.

Immerhin, unsere Kindheitshelden können wir in den letzten Jahren zunehmend auch in Deutschland auf Gedenkprägungen der Münze Berlin erwerben. Dazu gehört das Sandmännchen, der kleinen Maulwurf, die Schlümpfe oder die Biene Maya.

 

Dieser Artikel ist zuerst im Münzenmarkt 29 erschienen. Das Heft können Sie bei uns gratis als PDF herunterladen.