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Was ist ein Kontorniat?

Das Wort Kontorniat kommt aus dem Italienischen und leitet sich vom italienischen „contorno“ (= Rand) ab. Welches kulturhistorische Phänomen hinter diesen numismatischen Objekten steht, erfahren Sie hier.

von Ursula Kampmann

Inhalt

Unter einem Kontorniat versteht der Numismatiker ein Objekt, das einer Bronzemünze ähnelt, allerdings keinen Geldwert besitzt. Es ist ein bisschen größer als ein normaler Sesterz und hat einen aufgehämmerten oder gestauchten Rand, der deswegen deutlich erhöht ist. Dies hat dem Objekt seinen (modernen) Namen gegeben. Das Wort Kontorniat kommt vom italienischen „contorno“. Damit bezeichnen Italiener nicht nur die Beilage zu Fleisch und Fisch, sondern auch die Kontur einer geometrischen Form, also den Rand.

Kontorniaten entstanden in der christlichen Spätantike, greifen aber nicht deren Münzbilder auf, sondern beziehen sich auf eine glorifizierte Vergangenheit.

Das Goldene Zeitalter. Gemälde eines anonymen flämischen Künstlers. Castello Visconteo / Pavia. Foto: KW

Das Goldene Zeitalter. Gemälde eines anonymen flämischen Künstlers. Castello Visconteo / Pavia. Foto: KW

Wozu dienten die Kontorniaten?

Man bringt die Kontorniaten mit literarischen Quellen des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Verbindung. So berichtet Ovid von der Sitte, sich zum Jahresbeginn alte, republikanische Münzen zu schenken. Sueton bestätigt diese Überlieferung, indem er schreibt, dass Augustus gerne alte Münzen zu den Saturnalien verschenkte.

Die Saturnalien und der Beginn des neuen Jahres lagen zeitlich eng beieinander. Die Saturnalien wurden ursprünglich am 17. Dezember gefeiert, später auf den Zeitraum vom 17. bis zum 23., dann bis zum 30. Dezember ausgedehnt. Damit leiteten die Saturnalien in der Spätantike direkt zum Beginn des römischen Jahres über, das seit 153 v. Chr. am 1. Januar anfing.

Die Saturnalien sind nach dem Gott Saturnus benannt, der als Herrscher des Goldenen Zeitalters galt. Mit diesem Begriff bezeichneten die Römer eine Art paradiesischen Zustand, in dem die Menschheit zu Beginn der Zeit zusammenlebte, ohne Leid und Sorgen, Standesunterschiede und Krieg zu kennen. Sie waren Anlass für ein ausgelassenes Fest, bei dem viel getrunken wurde, die Standesunterschiede aufgehoben schienen, man Wagenrennen und Gladiatorenspiele besuchte und sich gegenseitig beschenkte.

Die Sitte, dafür alte Münzen zu verwenden, können wir anhand schriftlicher Quellen bis in die Herrschaftszeit des Gratian (367-383) verfolgen. Ausonius berichtet, man habe an dessen Hof makedonische Goldmünzen als Neujahrsgabe verwendet.

Übrigens, der Zeitpunkt dieses Geschenketauschs hielt sich bis weit in die Neuzeit. Erst im 19. Jahrhundert löste Weihnachten den Jahreswechsel als Fest der Geschenke ab.

Traianus Decius. Proto-Kontorniat: Doppelsesterz mit aufgehämmertem Rand. Aus der Sammlung W. Toliver Besson. CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 258. Taxe: 500 GBP. Zuschlag: 1.800 GBP

Traianus Decius. Proto-Kontorniat: Doppelsesterz mit aufgehämmertem Rand. Aus der Sammlung W. Toliver Besson. CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 258. Taxe: 500 GBP. Zuschlag: 1.800 GBP

Proto-Kontorniaten oder die Entstehung der Kontorniaten

Die Numismatik möchte mit diesem literarisch überlieferten Brauch die so genannten Proto-Kontorniaten in Verbindung bringen. Darunter versteht man reguläre Bronzemünzen der römischen Kaiserzeit, deren Rand wie der der Kontorniaten nachträglich aufgehämmert wurde, um die Stücke dem Geldumlauf zu entziehen. Dabei hatten die Römer Vorlieben, von welchen Herrschern sie die Münzen für die Herstellung von Kontorniaten benutzten: Am liebsten wählten sie Sesterze des Nero (14%), des Hadrian (9%), des Caracalla und des Antoninus Pius (7%) sowie – wie in unserem Fall – Doppelsesterze des Traianus Decius (6%). Diese Herrscher weisen inhaltlich keinerlei Gemeinsamkeiten auf, so dass die Vermutung geäußert wurde, dass es die Form ihrer Münzen war, die sie technisch für diesen Zweck besonders geeignet erscheinen ließ.

Wann und wo entstanden die Kontorniaten?

Wir haben keine Anhaltspunkte, wann die ersten Proto-Kontorniaten entstanden. Sie werden lediglich als Zeichen dafür gewertet, dass die Sitte, Münzen mit aufgehämmertem Rand zu verschenken, schon etabliert war, als die ersten „echten“ Kontorniaten produziert wurden. Diese entstanden in Rom, und zwar etwa von der Mitte des 4. Jahrhunderts bis ins 2. Drittel des 5. Jahrhunderts n. Chr.

Privat oder Staatlich?

Wer die Kontorniaten produzierte, wissen wir nicht. Dafür gibt es nur eine Reihe von mehr oder weniger gut begründeten Vermutungen. Möglich wäre eine private Produktion wie bei den Spintrien. Aber auch eine staatliche Produktion durch die römische Münzstätte käme in Frage. In den letzten Jahren wurde auch diskutiert, ob sich diese Möglichkeiten überhaupt gegenseitig ausschließen müssen. Peter Franz Mittag postuliert, dass ein Teil der Kontorniaten von privaten Unternehmern hergestellt wurde, während die römische Münzstätte eine durch ihre Motive zusammengehaltene Gruppe von Kontorniaten im Auftrag des Kaisers produzierte. Sie spielten im Rahmen der ritualisierten Demonstration der kaiserlichen Großzügigkeit eine Rolle.

Für wen wurden die Kontorniaten produziert?

Damit sind wir schon bei der nächsten Frage angelangt: Für welche Zielgruppe wurden die Kontorniaten angefertigt? Dass es sich um Spielmarken, Tesseren oder Eintrittstickets handeln könnte, wie in sehr alten Publikationen gelegentlich zu lesen, gilt heute als überholt. Ihre Deutung als Geschenk ist allgemein akzeptiert. Das lässt die Frage offen, welche Inhalte die Stücke transportierten.

Andreas Alföldi, von dem ein umfangreicher Stempel-Katalog zu den Kontorniaten stammt, sah sie als Propagandainstrument einer heidnischen Senatorenschicht. Dies wurde inzwischen relativiert. Wagenrennen, Gladiatoren, Musiker und das klassische Bildungsgut der antiken Literatur spielten auch im sich langsam christianisierenden Rom eine entscheidende Rolle. Allenfalls könnte man die Motive als eine Erinnerung an die „gute alte Zeit“ mit dem Goldenen Zeitalter in Verbindung bringen. Wir dürfen aber auch nicht die magische Konnotation vergessen. Besonders die Protagonisten der Wagenrennen waren dafür bekannt, dass sie häufig Flüche und Zaubersprüche anwendeten, um ihren Sieg zu garantieren. Wir wissen aus den Quellen von mehreren Prozessen, in denen Wagenlenker wegen Schadenzaubers angeklagt waren.

Allerdings könnte man die meisten Motive auch ganz zwanglos damit erklären, wofür sich die Römer in der Spätantike interessierten bzw. womit sie sich während des Festes, zu dem diese Stücke geschenkt wurden, die Zeit vertrieben.

Kontorniat. Alexander der Große. Rv. Pferderennen im Circus Maximus. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 279. Taxe: 500 GBP. Zuschlag: 2.250 GBP

Kontorniat. Alexander der Große. Rv. Pferderennen im Circus Maximus. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 279. Taxe: 500 GBP. Zuschlag: 2.250 GBP

Die Motive

Zu den häufigsten Motiven, die sich auf den Kontorniaten finden, gehören Alexander der Große und seine Mutter Olympias. Vielleicht hängt das mit der Faszination zusammen, die dieser griechische Held auf die Menschen der Spätantike ausübte. Für sie war er nicht nur historische Gestalt, sondern auch Protagonist von Wundererzählungen und Märchen, die im Alexanderroman ihren literarischen Ausdruck fanden. Dieses Buch gehört zu den beliebtesten Werken des Mittelalters und soll – nach der Bibel – das damals am weitesten verbreitete Manuskript gewesen sein.

Kontorniat. Kopf des Nero. Rv. Achilles n. r.; er fängt die verwundete Amazone Penthesilea auf, die sterbend von ihrem Pferd geglitten ist. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 288. Taxe: 2.500 GBP. Zuschlag: 5.500 GBP

Kontorniat. Kopf des Nero. Rv. Achilles n. r.; er fängt die verwundete Amazone Penthesilea auf, die sterbend von ihrem Pferd geglitten ist. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 288. Taxe: 2.500 GBP. Zuschlag: 5.500 GBP

Während wir Nero viele Jahrhunderte lang wegen Sueton, Tacitus und nicht zuletzt Peter Ustinov für einen der „schlechten“ Kaiser gehalten haben, war seine Reputation beim römischen Volk wegen seiner Großzügigkeit und Volksnähe wesentlich besser, wie Historiker in der jüngsten Vergangenheit herausgefunden haben. Trotzdem wissen wir nicht, ob es eine inhaltliche Entscheidung war, seinen Kopf so häufig auf Kontorniaten zu setzen. Die Privatunternehmer, die mit der Kontorniaten-Produktion begannen, könnten sich auch von den am weitesten verbreiteten Proto-Kontorniaten inspiriert gefühlt haben.

Sicher kein Zufall ist die häufige Anspielung der Motive auf beliebte Mythen und Theaterstücke. Die Geschichte von Achilles und Penthesilea zum Beispiel kennen wir aus einem erfolgreichen Epos, das Quintus von Smyrna im 3. Jahrhundert n. Chr. verfasste. Seine Posthomerica schildern unter anderem den Tod der Penthesilea, die im Kampf von Achilles getötet wird. Als sie vom Pferd gleitet, nimmt ihr der Held dem Helm ab. Aphrodite sorgt dafür, dass Achilles sich in die Frau verliebt und es bereut, sie getötet zu haben. Nun weint er, weil er sie nicht als seine Gemahlin in die Heimat führen kann.

Kontorniat. Der Wagenlenker Eusiches frontal stehend. Rv. Das Pferd Generosus n. l. stehend. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 307. Taxe: 2.000 GBP. Zuschlag: 2.750 GBP

Kontorniat. Der Wagenlenker Eusiches frontal stehend. Rv. Das Pferd Generosus n. l. stehend. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 307. Taxe: 2.000 GBP. Zuschlag: 2.750 GBP

Wir kennen weder den Wagenlenker Eusiches noch das Pferd Generosus aus literarischen oder epigraphischen Quellen, aber wir dürfen annehmen, dass ihre Namen den Zeitgenossen genauso vertraut waren wie es uns die Namen beliebter Fußballspieler sind. Wir hatten bereits auf die magische Konnotation dieser Darstellungen hingewiesen. Man könnte sie sich aber auch damit erklären, dass in der Zeit um den Jahreswechsel besonders viele Wagenrennen stattfanden. Wer wollte, konnte sie am 25. Dezember, am 7. und am 13. Januar im Circus Maximus sehen.

Kontorniat. Gorgonius spielt die Hydraulis. Rv. Der Doppelflötenspieler Eudoxius frontal stehend. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 308. Taxe: 1.500 GBP. Zuschlag: 5.500 GBP

Kontorniat. Gorgonius spielt die Hydraulis. Rv. Der Doppelflötenspieler Eudoxius frontal stehend. Aus der Sammlung W. Toliver Besson, Auktion CNG Keystone Auction 17 (22. Juli 2026), Nr. 308. Taxe: 1.500 GBP. Zuschlag: 5.500 GBP

Musikalische Vorführungen gab es in Rom vor allem im Rahmen der Gladiatorenspiele. Der Ruhm großer Künstler wie Gorgonius oder Eudoxius reicht nicht bis in unsere Zeit. Sie dürften bei den Gladiatorenspielen eine ähnliche Funktion erfüllt haben wie Shakira, Madonna, Justin Bieber & Co. beim WM Finale 2026.

Der Dezember war übrigens die Jahreszeit, in der sich die „Munera“ – so bezeichneten die Römer das, was wir „Spiele“ nennen – besonders häuften. Im Rahmen der Saturnalien wurden sie am 19., 20., 21., 23. und 24. Dezember durchgeführt.

Die Wasserorgel - einmal ein Original aus dem Archäologischen Museum der griechischen Stadt Dion; einmal die Abbildung eines Musikers, der die Wasserorgel spielt. Letzteres ist Teil eines Mosaiks aus dem saarländischen Nennig, das die Vielfalt dessen zeigt, als bei

Die Wasserorgel – einmal ein Original aus dem Archäologischen Museum der griechischen Stadt Dion; einmal die Abbildung eines Musikers, der die Wasserorgel spielt. Letzteres ist Teil eines Mosaiks aus dem saarländischen Nennig, das die Vielfalt dessen zeigt, als bei „Spielen“ der Unterhaltung diente: Von Tier- über Gladiatorenkämpfe bis zu musikalischen Darbietungen. Beide Fotos: KW

Proto-Kontorniaten und Kontorniaten sind also Objekte, die zu Geschenkzwecken hergestellt wurden. Sie sind eine interessante Randgruppe der Numismatik, für die es viel zu wenige Spezialsammler gibt. Kontorniaten sind etwas für „echte“ Sammler, die in erster Linie an der historischen Aussage eines Objekts, nicht an seiner Wertsteigerung interessiert sind.

Was sind Kontorniaten heute wert?

Kontorniaten sind im Verhältnis zu ihrer Seltenheit weit unterschätzt. Dies liegt vor allem daran, dass sie sich jeder Klassifizierung mittels der Sheldon-Skala entziehen. Sie spielen also im Anlagebereich keine Rolle. Wir präsentieren Ihnen in diesem Artikel einige Ergebnisse aus einer Auktion der Classical Numismatic Group, die im Juli 2026 stattgefunden hat und in der eine beeindruckende Sammlung von Kontorniaten aus dem Besitz von W. Toliver Besson aufgelöst wurde. Die Zuschläge reichen von 225 bis 7.500 Britischen Pfund, also von 262 Euro resp. 303 USD bis zu 8753 Euro resp. 10.117 USD. Preise für einzelne Beispiele finden Sie in den Bildunterschriften. Alle Ergebnisse dieser Serie ist im Sixbid-Archiv der beendeten Auktionen enthalten.

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