Zeitgenössische Münzen: Spiegel unserer Zeit
Inwiefern spiegeln zeitgenössische Münzen unsere Zeit und unser Empfinden? Ursula Kampmann zeigt das an CIT’s Münze Scottish Highlands und erklärt ganz nebenbei, warum wir überhaupt über die schottischen Highlands sprechen.
von Ursula Kampmann
Inhalt

Es ist eine unqualifizierte Aussage, wenn Wissenschaftler behaupten, dass die zeitgenössische Numismatik für ihn keine Bedeutung habe. So eine Aussage zeigt eigentlich nur, dass viele Wissenschaftler vor lauter Fundmünzen und Archäologie vergessen haben, was eine Münze im besten Fall ist: Sie ist ein Spiegel unseres Denkens und unserer Kultur. Dafür ist es ganz gleich, ob es sich um staatliche oder private Münze handelt. Im Gegenteil: Private Münzstätten, die sich kaum nach politischen Vorgaben richten müssen, deren Schaffen einzig auf Verkauf ausgerichtet ist, zeigen eben nicht, was ein paar elitäre Politiker für staatstragend halten, sondern das, was wir als Populärkultur bezeichnen und was sich damit tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt hat.

„Scottish Highlands“ von CIT. Cook Islands 2026. 2 Unzen Silber resp. 10 Dollars mit Teilvergoldung.
Scottish Highlands
Schauen wir uns das an einem konkreten Beispiel an. CIT hat im Frühjahr eine Münze mit dem Namen „Scottish Highlands“ herausgegeben. Meines Wissens gibt es keine Vorbilder für dieses Thema. Die Royal British Mint produzierte 2018/9 eine 10 Pence Münze mit dem Ungeheuer von Loch Ness. Sie war Teil der sehr witzigen und erfolgreichen A-Z-Serie und stand für den Buchstaben L(och). Sonst kenne ich noch Prägungen mit dem Bild eines Hochlandrinds, mit schottischen Burgen, darunter vor allem das Edinburgh Castle, und das war es dann schon.
Walter Scott erfindet das schottische Hochland
Denn der Begriff der Scottish Highlands ist schwer zu fassen. Kein Wunder, ist er doch eine literarische Fiktion. Erfunden hat ihn der Schriftsteller Walter Scott (1771-1832). Walter Scott wurde im städtischen Edinburgh als Mitglied einer bürgerlichen Familie geboren. Er lebte in einer der industrialisiertesten Städte des Landes, doch wenn er seinen Cousin in London besuchte, machte man sich in seinem Club über die rückständigen Schotten lustig.
Ob es das war, was Walter Scott veranlasste, seine weltberühmten Romane über die heldenhaften Chefs der schottischen Clans zu schreiben? Kontrastierte er deshalb die eleganten Gentlemen der Londoner City mit den ungeschliffenen Kraftpaketen, die trotz des Fehlens jeder zivilisatorischen Politur über einen untrüglichen Sinn für Recht und Gerechtigkeit verfügten? Sein Roman Waverley wurde zu einem vollen Erfolg. Walter Scott erfand und etablierte damit im Alleingang das Genre des historischen Romans. Waverley spielt während des zweiten Jakobitenaufstands, als die Schotten an der Seite von Bonnie Prince Charles gegen die Engländer kämpften. Sein kurz darauf veröffentlichter Roman Rob Roy, der zur Zeit des ersten Jakobitenaufstands spielte (ja, auch darin kämpfen die Schotten gegen die Engländer) war binnen zwei Wochen ausverkauft. Das war extrem ungewöhnlich für diese Epoche.

Wildnis der schottischen Highlands. Foto: Caroline Legg. cc-by 2.0.
Walter Scott hatte eine wunderbare Art, die Landschaft, in der er seine aufregenden Handlungen spielen ließ, mit Bedeutung aufzuladen. Er romantisierte die Natur, machte sie zu einem Spiegel der Seelen seiner Protagonisten und sagte seinen Lesern, was sie beim Anblick von Bergen und Seen empfinden sollten. Schon damals reisten die englischen Damen und Herren gerne ins schottische Hochland, um die gleichen intensiven Gefühle zu haben wie die Protagonisten ihrer Lieblingsgeschichten.
Den Höhepunkt von Scotts Marketing-Kampagne stellte ein königlicher Besuch von George IV. im August 1822 dar. Walter Scott kümmerte sich um jedes kleine Detail der Inszenierung, schuf eine Highland-Symbolik, die wir heute noch für authentisch halten. Die „uralten“ Tartans, die die verschiedenen Clans zum Beispiel tragen, gehen auf dieses Fest zurück.
Und damit wurde Schottland endgültig modern. Bis heute. So pachtete 1848 die junge Queen Victoria das Anwesen von Balmoral. Sie ließ dort im Jahr 1852 einen Neubau in einem Stil errichten, den viele heute für authentisches Mittelalter halten. Er nennt sich in Großbritannien Scotch Baronial und ist die schottische Variante des damals in ganz Europa verbreiteten Historismus.
Es kann nur einen geben!
Nun, Walter Scott ist seit langem tot, aber seine Romangestalten leben weiter. Und geben wir es zu: Im Schottenrock sieht ein junger, gut gebauter Mann echt gut aus. Und damit sind Schotten geradezu ideal für Film und Fernsehen. Das dachten sich vielleicht die Drehbuchautoren, als sie das Setting zum Film Highlander schufen. Denn der hat eigentlich im Prinzip nicht viel mit Schottland zu tun. Er nutzt lediglich den schottischen Hintergrund, um seinen unsterblichen Helden eine heroische Vergangenheit zu verpassen.
Der Film wurde ein immenser Erfolg. Es gab Sequels und eine Fernsehserie, eine Zeichentrickvariante, ein Spiel, eine Rockband und alle erzählen sie von heldenhaften Highlandern und verräterischen Engländern. Das inspirierte unzählige Filme. So zog 1995 Mel Gibson den Schottenrock an, um mit Brave Heart eine überaus freie Biographie von William Wallace zu bieten, auf der unser gefühltes Wissen zum ewigen Kampf der Schotten gegen die Briten beruht.
Eine jüngere Generation erfuhr von diesem Mythos durch die TV-Serie Outlander, die auf den Bestsellern von Diana Gabaldon basiert. Und schon wieder sehen wir schwingende Kilts, mutige Männer, verräterische Briten, großartige, naturbelassene Berge und Täler, in denen höchstens ganz hinten eine kleine Burgruine die Szenerie bereichert.
Dieses Image hat natürlich seine Folgen. Die Schotten finden sie gut. Obwohl es in Schottland wenig Sonne, kaum Sandstrände, kein warmes Wasser und ziemlich gewöhnungsbedürftiges Essen gibt, erbringen dort 6,45 Millionen Übernachtungen pro Jahr (2024) inzwischen ein Einkommen von 756 Millionen Pfund. Mehr als die Hälfte der Gäste reist übrigens aus dem Ausland an. Das schafft rund 200.000 Jobs und generiert einen Jahresumsatz von 4 Milliarden Pfund.

Das kommt heraus, wenn man der KI sagt: Schaffe mir ein Bild, auf dem ein kühner Recke in schottischer Tracht gegen einen heimtückischen Engländer kämpft. Historisch korrekt ist das überhaupt nicht. Sieht aber irgendwie historisch aus. Gefühlte Geschichte eben.
Ein Zeugnis der gefühlten Geschichte
Und damit sind wir wieder zurück bei unserer historischen Quelle, der Münze, die CIT 2026 auf die Scottish Highlands herausgegeben hat. Sie fasst alles zusammen, was ein Schottlandtourist hofft, auf seiner Reise zu finden. Da sind die Berge und Täler, die vom goldenen Licht überglänzt werden. Im Vordergrund wiegt sich die leuchtende Gerste im Wind, aus der irgendwo in einer ungenannten Destillerie der schottische Malt Whiskey gebraut wird. Er ist berühmt dafür, den wahren Helden ihre Kraft und ihren Mut zu verleihen. Doch diese Zeiten sind lang vorbei, und dafür steht die einsame Burgruine und zeugt von einer großen Vergangenheit, die es in Wahrheit nie gegeben hat.
Damit sind wir bei einer Tatsache, die kein historisch Interessierter leugnen kann: Diese Münze fasst hervorragend die populären Sehnsüchte zusammen, die der Begriff „Scottish Highlands“ auslöst. Sie ist damit ein hochrangiges Zeugnis für unsere Populärkultur, für unser Denken und Fühlen und „Wissen“ (oder besser für das, was wir zu wissen glauben).
Wer sich für Barockmedaillen und ihre feinen historischen und kulturgeschichtlichen Anspielungen begeistern kann, sollte ihre zeitgenössischen Nachfahren nicht verachten. Auch heute sind Münzen Zeugnis ihrer Zeit. Sie verdichten kunstvoll das Denken der Menschen auf einem Stück Metall mit einem winzigen Durchmesser. Die Ideen, die hinter den Designs stehen, sind mal mehr, mal weniger originell, genauso wie sie es auch im Barock waren.
CIT gehört zu den Münzverlegern, die den Finger am Puls der Zeit und ihrer Popkultur haben. Ich denke, Produkte wie „Scottish Highlands“ gehören genauso in ein Museum wie die Medaillen eines Sebastian Dadler. Und wie die Medaillen eines Sebastian Dadler sich nur von denjenigen enträtseln lassen, der ihren Hintergrund kennen, braucht es auch einen Kenner, um die Anspielungen auf die zeitgenössische Popkultur einer CIT-Münze zu deuten.
Vielleicht liegt die Missachtung, mit der manche Numismatiker die moderne Numismatik strafen darin begründet, dass sie nicht oft genug ins Kino gegangen sind.









