Benedetto Pistrucci, der Parthenonfries und der hl. Georg
Nur wenige Designs der Numismatik haben einen vergleichbaren Kultstatus wie das Bildnis des hl. Georgs von Benedetto Pistrucci, das er für die britischen Münzen entwarf. Inspiriert hat ihn eines der größten Kunstwerke der Geschichte: die Elgin Marbles. NAC versteigert als Teil der Traveller Collection Proben zu einer der erfolgreichsten Münzserien der Geschichte.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Am 27. Mai 2026 versteigert Numismatica Ars Classica (NAC) in Zürich zwei weitere Teile der spektakulären Traveller Collection. Auktion 167 ist den britischen, Auktion 168 den italienischen Münzen gewidmet. Aus der Fülle von außergewöhnlichen Münzen möchten wir Ihnen eine Ikone der Numismatik vorstellen, eine Probe zur Crown mit dem von Benedetto Pistrucci entworfenen hl. Georg. Welches Vorbild inspirierte Pistrucci?

George III., 1760-1820. Probe zur Crown von 1817. NGC MS64+. Taxe: 75.000 CHF. Aus Auktion Numismatica Ars Classica 167 (27. Mai 2026), Nr. 1582
Was ist auf der Probe zur Crown von 1817 zu sehen?
Betrachten wir erst einmal das Stück, zu dem der berühmte Medailleur Benedetto Pistrucci die Stempel schuf. Auf der Vorderseite sehen wir ein Bildnis von Georg III. mit Lorbeerkranz, darum die Umschrift (in Übersetzung) Georg III. von Gottes Gnaden König von Britannien, Verteidiger des Glaubens.
Die Rückseite zeigt einen nackten Mann mit attischem Helm, wehendem Mandel und Kurzschwert hoch zu Ross nach rechts. Er hält das sich aufbäumende Pferd am kurzen Zügel. Darunter erscheint ein geflügelter Drache. Die Szene ist umgeben von einer Art Gürtel, dem berühmten Hosenbandorden, auf dem dessen bekanntes Motto zu lesen ist: Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, der Übles dabei denkt.

Zeitgenössisches Porträt von Georg III. aus dem Jahr 1817, angefertigt von Henry Hoppner Meyer. National Portrait Gallery NPG D10680
((02 – Zeitgenössisches Porträt von Georg III. aus dem Jahr 1817, angefertigt von Henry Hoppner Meyer. National Portrait Gallery NPG D10680.))
Das Porträt Georgs III.
Wer den Realitäts-Check wagt, wird schnell feststellen, dass das Bildnis, das Pistrucci von Georg III. schuf, nicht das Geringste mit der Realität zu tun hat. Wie könnte es das auch? Georg III. war das, was man Ende des Jahres 1811 als wahnsinnig bezeichnete. In diesem Jahr übernahm der Prince of Wales die Regentschaft für seinen Vater, den eine Kombination von ständigen rheumatischen Schmerzen, völliger Taubheit, äußerst reduziertem Augenlicht, Depression und Demenz untauglich gemacht hatte, zu regieren. Den König so auf seinen Münzen abzubilden, wie der geplagte 79-jährige im Sommer des Jahres 1817 wirklich aussah, wäre absolut unpassend gewesen.

Eumenes I. Tetradrachme, um 255-241. Gutes vorzüglich. Taxe: 3.500 CHF. Zuschlag 3.750 CHF. Aus Auktion NAC 114 (6. Mai 2019), Nr. 1185
Damit war Pistrucci keiner Realität verpflichtet, als er sein Münzporträt schuf. Er suchte sich seine Inspiration gemäß seinem Motto „Study Greek originals day and night“ (= studiere die griechischen Originale bei Tag und bei Nacht) auf den antiken Münzen. Aus Georg III. wurde eine modernisierte Version mit Anklängen an Philhetairos, dessen Bildnis seine Nachkommen, die Attaliden von Pergamon auf prachtvolle hellenistische Tetradrachmen setzten.

Figurengruppe aus der Prozession junger Reiter vom Parthenon-Fries, nicht aus London, sondern aus dem Parthenon-Museum von Athen. Foto: KW
Die Elgin Marbles verändern das britische Kunstempfinden
Können wir uns überhaupt noch vorstellen, was es für die britische Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts bedeutete, als mit den Elgin Marbles das erste bedeutende Originalwerk griechischer Kunst nach London kam? Nie zuvor hatte man Vergleichbares gesehen.
Weil Lord Elgin händeringend einen Käufer für seine Marmorblöcke suchte, stellte er sie öffentlich aus. Zunächst in einem düsteren Schuppen, dann ab 1811 in einem eigens dafür errichteten Provisorium auf dem Gelände von Burlington House. Wer in London auf sich hielt, kam, um den Fries zu sehen, und war begeistert. Er förderte die Bewunderung der Briten für das antike Griechenland und damit für seine modernen Nachfahren.

Wachsmodell des hl. Georg von Pistrucci, wie er später auf Sovereigns und Crowns erscheinen sollte. Museo Zecca di Roma. Foto: UK
((05 – Wachsmodell des hl. Georg von Pistrucci, wie er später auf Sovereigns und Crowns erscheinen sollte. Museo Zecca di Roma. Foto: UK.))
Pistrucci lässt sich inspirieren
Natürlich ließ es sich der antikenbegeisterte Pistrucci nicht nehmen, das Kunstwerk ausführlich zu bestaunen, zu skizzieren und für seine Arbeit zu nutzen. Lady Spencer hatte ihn 1815 damit beauftragte, eine Kamee zu schaffen, die einen hl. Georg im modischen „griechischen“ Stil zeigen sollte. Pistrucci erinnerte sich später so daran : „Ihre Ladyschaft … zeigte mir ein großes Wachsmodell eines Heiligen Georg, gefertigt von Marchant, und sagte zu mir: ‚Mein Mann möchte, dass Sie ein Wachsmodell von gleicher Größe und gleichem Sujet anfertigen; ich jedoch hätte es gerne im griechischen Stil‘…; ‚und der Mantel würde in diesem schönen Weiß eine großartige Wirkung entfalten.‘“
Der Auftrag war prestigeträchtig, gut bezahlt und reizvoll. Natürlich sagte Pistrucci zu. Aber er war ein zu guter Künstler, um die Elgin Marbles einfach zu kopieren. Er übernahm ihre Formensprache und gestaltete seinen heiligen Georg im gleichen Stil.
Wir, die wir dieses Bild kennen, können uns heute gar nicht mehr vorstellen, welchen Bruch der Sehgewohnheiten das Motiv brachte: Pistruccis heiliger Georg war nackt. Ein nackter Heiliger! Dass die Gesellschaft diesen Tabubruch kaum thematisierte, dürfen wir wohl dem neuen ästhetischen Ideal zuschreiben, das sich durch den Parthenonfries verbreitet hatte. Der heilige Ritter trägt keine Rüstung, sondern lediglich einen attischen Helm und eine Chlamys, jenes kurze Reitermäntelchen der Antike, das beim Galoppieren so elegant hinter seinem Träger schwingt. Aus der Lanze ist ein kurzes Schwert geworden (wobei man sich fragen darf, wie der hl. Georg damit vom Pferd aus den Drachen erledigen will!).
Pferd und Haltung orientieren sich am Fries, ohne eine einzige Figur direkt zu kopieren. Man sagt, dass Pistrucci einen italienischen Kellner bat, für seinen hl. Georg Modell zu stehen.

Wachsmodell von Pistrucci und Pferdekopf des Parthenonfrieses. Museo Zecca di Roma // British Museum. Beides Fotos: UK
Wie intensiv sich Pistrucci mit den Formen des Parthenonfrieses auseinandersetzte, zeigt uns das Wachsmodell eines Pferdekopfs, der sich im Museo Zecca di Roma aus seinem Nachlass erhalten hat.

Patraos. Tetradrachme, um 340-315. Schätzung: 6.000 CHF. Zuschlag: 22.000 CHF. Aus Auktion Numismatica Ars Classica 140 (2023), Nr. 60
Antike Münzen als Vorbild für Pistrucci?
Gelegentlich hat man antike Münzen als Vorbilder für Pistruccis Georg ins Spiel gebracht. Man hat die Bronzemünzen des Magnentius und die Tetradrachmen von Patraos als Beispiele herangezogen. Doch selbst wenn Pistrucci sie gekannt hätte, erscheint dies wenig wahrscheinlich. Vergleicht man das stilistisch beste Beispiel der Münzen des Patraos, sieht man deutlich, wie weit entfernt die Darstellung des Reiters von der Körperspannung ist, die Pistrucci seinem hl. Georg gibt.
Pistrucci war Künstler. Er brauchte keine Anregung hinsichtlich des Motivs, das gab ihm sein Auftraggebe vor. Ihn interessierte die Art der Darstellung. Er gab einem altbekannten Thema eine neue, moderne, griechisch-antike Form. Und die fand er in den Reitern des Parthenonfrieses.
Genauso kopierte er die Vorderseite der pergamenischen Tetradrachmen mit dem Porträt des Philhetairos nicht sklavisch, sondern nutzte das Bildnis als Inspiration, um seine eigene Version eines würdigen Herrschers zu konzipieren.
Was ist die Probe zu den Britischen Crowns von 1817 heute wert?
Mit 75.000 CHF schätzt Numismatica Ars Classica den Wert dieser Probe. Der Grund dafür ist nicht nur die große numismatische Bedeutung, sondern auch die Seltenheit der Münze. Nur vier Exemplare scheint es in privater Hand zu geben. Eines davon wurde am 15. August 2019 bei Heritage unter Losnummer 32221 versteigert. Das von NGC mit AU55 gegradete Stück brachte 70.000 $, beim damaligen Wechselkurs 68.313 CHF.
Nun sind seit Corona die Preise für britische Münzen deutlich gestiegen. Außerdem hat das bei NAC angebotene Stück den Grade MS64+, ist also wesentlich besser erhalten.
Wir sind gespannt, wie das Ergebnis lauten wird, und werden nach der Auktion eine Ergänzung vornehmen.
Ein kleiner Zwischenruf zur Debatte über die Elgin-Marbles
Man sollte an dieser Stelle noch kurz die politischen Auswirkungen erwähnen, die die heute so umstrittene Verbringung des Parthenonfrieses nach London hatte. Durch seine immense optische Wirkungsmacht wurde er zu einem Botschafter des alten und damit auch des neuen Griechenlands, das damals seine Unabhängigkeit vom osmanischen Reich forderte. Die durch den Fries ausgelöste Begeisterung in der breiten Bevölkerung zwang die britische Regierung, die griechische Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Private und staatliche Mittel wurden in den – ziemlich dilettantisch geführten und deshalb eigentlich aussichtslosen – Freiheitskampf investiert. London, seine Kriegsschiffe und seine Diplomaten spielten die Schlüsselrolle für die Unabhängigkeit Griechenlands.
Ein einmaliges Kunstwerk hatte die Briten überzeugt, dass das griechische Volk eine Nation sei, die ein eigenes Land verdienen würde.
Mit anderen Worten: Ohne die Reise der Elgin Marbles nach London hätte es die griechische Freiheit so nicht gegeben, und wenn überhaupt, dann zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt.
Friedrich III. der Weise 1486-1525.
Doppelter Goldgulden 1507 (1508), Nürnberg.
Übertragung der Generalstatthalterwürde und
die Würde des Reichsvikars.































