Die Münzen von Gaza in römischer Zeit
Yoav Farhi hat den 6. Band des Corpus Nummorum Palaestinensium der Israel Numismatic Society vorgelegt. Er ist der römischen Münzprägung von Gaza gewidmet und ein neues Standardwerk, das jeder haben muss, der Münzen dieser Stadt fachmännisch bestimmen will.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Keine Münzgattung gewährt bessere Einblicke in die lokale Kultur antiker Zentren wie die städtischen Prägungen, die während der römischen Kaiserzeit entstanden. Sie verraten, worauf die Elite stolz war, sprechen vom religiösen Leben, der politischen Organisation und dem Stadtbild. Allerdings sind Roman Provincials, wie diese Münzen auch gerne genannt werden, eine spröde Materie. Man muss viel wissen, viele Quellen studiert haben, um ihre Botschaft zu verstehen. Yoav Farhi hat diese Arbeit für Gaza geleistet und uns ein neues Typencorpus der römischen Prägungen geschenkt. Es ist eine Bereicherung für die Numismatik und ein Muss für jede spezialisierte Bibliothek.
Gaza unter den Römern
Wo die Stadt Gaza liegt, muss man heute niemandem erklären. In der Antike führte hier ein wichtiger Handelsweg vorbei, der die syrischen mit den ägyptischen Zentren verband. Vom städtischen Hafen aus wurden die Luxuswaren des südlichen Arabiens ins Mittelmeer verschifft. Die Bewohner von Gaza wurden dadurch reich, die Stadt mächtig. Herodot spricht davon, dass Gaza zu seiner Zeit so groß gewesen sei wie die lydische Metropole Sardis. Mit anderen Worten: Gaza war ein wichtiger Handelsplatz, begehrenswert in den Augen jeder Großmacht.
Alexander von Makedonien kam, danach die Diadochen, nicht zu vergessen die Dynastie der Hasmonäer; sie alle eroberten Gaza und zogen ihren Nutzen daraus. 61 v. u. Z. ordnete Pompeius die Verhältnisse des Ostens neu und erklärte Gaza zur „freien“ Stadt innerhalb der römischen Provinz Syrien. Die Einwohner von Gaza könnten dies als eine Art Neubeginn empfunden haben; jedenfalls führten sie eine eigene Zeitrechnung ein, die mit dem Jahr 61 v. u. Z. beginnt.
Auch wenn danach die Zuständigkeiten gelegentlich wechselten und der Stadt kriegerische Auseinandersetzungen nicht erspart blieben, bestimmten fortan die Römer ihr Schicksal. Immerhin blieb den Einwohnern von Gaza die Möglichkeit, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln.
Der Katalog der Münzen von Gaza
Davon zeugen die Münzen, die der Autor nach seiner historischen Einleitung, die natürlich wesentlich ausführlicher ist, als das, was ich Ihnen hier berichtet habe, präsentiert. Yoav Farhi legt einen Typenkatalog der städtischen Münzprägung vor inklusive der silbernen Tetradrachmen, die in Gaza unter den Severern und Macrinus geprägt wurden. Er hat dafür 4.494 Münzen untersucht, die er in 318 Münztypen mit unzähligen Varianten einteilt. 834 Münzen sind abgebildet.
Die Anordnung erfolgt nach römischen Herrschern. Jedem Herrscher, unter dem geprägt wurde – nicht unter allen entstanden Münzen! -, widmet der Autor ein eigenes Kapitel, listet darin die verschiedenen Münztypen auf und datiert sie. Wer nur möglichst schnell seine Münzen bestimmen will, wird über das auseinandergerissene Tafelwerk nicht glücklich sein. Man muss blättern, um auf die richtige Seite zu kommen. Wem es allerdings um die Zusammenhänge geht, der wird diese Form der Darbietung zu schätzen wissen.
Auf jeden Fall ist die Qualität der Abbildungen beeindruckend. Jeder, der mit Roman Provincials umgeht, weiß, wie schwierig es manchmal ist, ein Exemplar zu finden, auf dem man die komplette Abbildung klar erkennen kann. Yoav Farhi ist es gelungen, nicht nur verhältnismäßig gut erhaltene Stücke zu finden, sondern auch gute Fotos von ihnen anzufertigen. Der Drucker hat sein Übriges dazu getan, so dass der Nutzer endlich einmal keine Schwierigkeiten haben wird, anhand der Bilder seine Münzen zu bestimmen.
Die Auswertung
Fast 120 Seiten umfasst die Auswertung. Sie ist der Kern der Arbeit und der Autor hat viele verschiedene Quellen zusammengetragen, um die Münzbilder zu interpretieren. Systematisch lässt er das gesamte Pantheon der Stadt, das auf den Münzen zu sehen ist, Revue passieren, sucht nach literarischen, epigraphischen und archäologischen Quellen. So rekonstruiert er Herkunft, Bedeutung und Erscheinung des Gottes.
Ein gutes Beispiel ist jener Gott mit der Keule, den wir sofort und zuerst für Herakles halten wollen; einige moderne Wissenschaftler glauben aber auf Grund einer Notiz bei Stephanos von Byzantion, dass es sich im Falle von Gaza um Azon, einen Sohn des Herakles und Eponym von (G)aza handeln müsse. Yoav Farhi räumt mit dieser These auf, indem er feststellt, dass es keinen Kult für Azon (übrigens auch nicht für Herakles) gibt. Er ist der Ansicht, dass es sich um eine spätere Erfindung eines kreativen Schriftstellers handelt. Azon wäre nicht der einzige eponyme Held, der nach der griechischen Renaissance unter Hadrian erfunden wurde.
Natürlich beschäftigt sich Yoav Farhi auch mit dem Umlauf der Münzen von Gaza. Er nutzt dazu die Hort- und Streufunden sowie die Wiederverwertung der Münzen von Gaza als Schrötlinge der Bar Kokhba-Prägung.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie mehrere Indices schließen das Werk ab und machen es leichter benutzbar.
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