Von 10.000 auf 325.000 Euro: Katharina die Große beherrscht die Auktion
Die Heidelberger Münzhandlung offerierte in ihrer Auktion 92 einen 10-fachen Rubel von Katharina der Großen mit 10.000 Euro. Er kletterte auf 325.000 Euro. Wir erklären, warum, und was an dieser Münze so besonders ist.
von Ursula Kampmann
Inhalt

Es gibt sie in jeder Auktion; man nennt sie „Schläfer“; jene Münzen, deren wahre Seltenheit sich nicht in ihrer Schätzung widerspiegelt. Dass sie dann doch den Preis bringen, den sie wert sind, liegt daran, dass sie in den Medien vorgestellt werden, die von den richtigen Kunden gelesen werden, Ein hervorragendes Beispiel dafür ist ein 10 Rubel-Stück, das am 12. Mai 2026 von der Heidelberger Münzhandlung angeboten wurde.

Katharina II., die „Große“. 10 Rubel 1763, St. Petersburg. Äußerst selten. Vorzüglich. Taxe: 10.000 Euro. Zuschlag: 325.000 Euro. Heidelberger Münzhandlung. Herbert Grün e.K. Auktion 92 (12.-13. Mai 2026), Nr. 346. Foto: Benjamin Seibt Lübke & Wiedemann.
Was ist auf dem 10 Rubelstück von 1763 zu sehen?
Wer sich nicht speziell für russische Imperialen interessiert, dem wäre wahrscheinlich nichts aufgefallen, denn die Abbildung weicht in nichts vom üblichen Typus ab. Auf der Vorderseite sehen wir ein Porträt der jungen, gekrönten Zarin, die den Hermelinmantel trägt. Über Haar und Hals fällt ein leichter Schleier. Die Umschrift lautet (in Übersetzung): Von Gottes Gnaden Katharina II. Kaiserin und Selbstherrscherin aller Russen. Die drei Buchstaben unter der Büste stehen für die Münzstätte St. Petersburg. Wer genau hinsieht, erkennt auf dem Ärmel zwei weitere Buchstaben als Signatur für den Medailleur Timofej Ivanovic Ivanov (1729-1803).
Die Rückseite zeigt die gekrönten Wappenschilde der vier Königreiche um den russischen Doppeladler: Oben Moskau mit dem hl. Georg hoch zu Ross, der den Drachen tötet; rechts Kasan mit dem gekrönten, geflügelten Drachen; unten Sibirien mit zwei Zobeln, zwei Pfeilen und einem Bogen, darüber die Krone; sowie links Astrachan mit einer Krone über einem orientalischen Säbel. Die Umschrift lautet (in Übersetzung): Kaiserlich Russische Münze, Wert zehn Rubel.

Die Ermordung Peters III. durch Grigori Orlow und seinen Bruder. KI-generiertes Bild im Stile eines Historiengemäldes.
Das Jahr 1763 und der Sturz Peters III.
Die Geschichte dieser Münze ist eng verwoben mit einer der spannendsten Episoden der an Gewalt sicher nicht armen Geschichte Russlands. Im Mittelpunkt steht Peter III., jener adoptierte Thronfolger aus Schleswig Holstein, der so sehr von den Idealen der Aufklärung begeistert war. Er übernahm am 5. Januar 1762 die Herrschaft über Russland. Innert 186 Tagen erließ er 220 neue Gesetze. Dann riss diese Serie ab, denn seine ebenfalls deutsche Gattin, die wir heute als Katharina kennen, nutzte den fehlenden Reformwillen des russischen Adels, um eine Palastrevolution zu initiieren. Kein Wunder, musste die lebenslustige Frau doch die Scheidung fürchten, nachdem der Zar sich nicht einmal sicher war, ob der Thronfolger sein Kind war. Mit Unterstützung ihres Liebhabers Grigori Orlow und seiner Brüder setzte sie ihren Mann gefangen, sorgte vielleicht sogar dafür, dass er starb, und bestieg selbst den Thron.
Dass Peter III. zum Teil bis heute als unfähig, ja kindisch geschildert wird, verdanken wir der hervorragenden Propaganda seiner Gattin, die eine Meisterin darin war, die Geschichte zu fälschen. So bezahlte sie zum Beispiel Voltaire als wichtigsten Meinungsmacher Europas dafür, ihre Version des Mords in Europa zu verbreiten.
Katharinas Politik fand Niederschlag in ihrer Münzprägung. Und hier sind wir wieder bei dem Imperial aus dem Jahr 1763 angelangt.
Warum sind Imperiale mit der Jahreszahl 1763 so selten?
Denn Katharina ließ nicht nur sofort neue Münzen mit ihrem Porträt prägen; als Ronden ließ sie, wo immer möglich, die Imperialen mit dem Porträt ihres gestürzten Mannes nutzen. Sein Bild sollte aus der Öffentlichkeit verschwinden. Nun sind Überprägungen technisch schwieriger als Prägungen auf neue Ronden, deshalb sind die Münzen dieses Jahres nicht immer perfekt ausgeprägt.
Sofern man sie überhaupt findet, denn am 18. Dezember 1763 erließ Katharina ein kaiserliches Reskript, in dem sie den Münzfuß der Imperialen änderte. Fortan sollten sie mit 20% Gold weniger geprägt werden. Schwergewichtige Imperiale, die durch Steuern oder andere Zahlungen in die Staatskasse kamen, wurde sofort eingeschmolzen und zu neuen Imperialen ausgeprägt. Das brachte pro Imperial einen ordentlichen Gewinn.
Viele Goldmünzen des ersten Regierungsjahres von Katharina endeten deshalb im Schmelztopf. Nur sehr wenige blieben erhalten und noch weniger in einer so fabelhaften Erhaltung, wie der, die bei der Heidelberger Münzhandlung angeboten wurde. Einige Spezialisten erkannten die Seltenheit des Stücks und boten sich gegenseitig hoch. So kletterte diese geschichtsträchtige Rarität der russischen Numismatik auf 325.000 Euro.

Russland. Michael Feodorowitsch, 1613-1645. 4 Dukaten o. J., St. Petersburg. Novodel. Äußerst selten. Vorzüglich bis Stempelglanz. Taxe: 10.000 Euro. Zuschlag: 30.500 Euro. Heidelberger Münzhandlung. Herbert Grün e.K. Auktion 92 (12.-13. Mai 2026), Nr. 321. Foto: Benjamin Seibt Lübke & Wiedemann.
Es braucht nur zwei Spezialisten…
Das gleiche geschah mit dem Novodel vom 4 Dukaten-Stück, das wir in unserem Artikel, was ist ein Novodel, vorgestellt haben. Es kletterte auf 30.500 Euro, also auf das dreifache seiner Schätzung. Und so können wir jetzt die Frage beantworten, mit der unser Artikel endete: Wird das Novodel oder die zeitgenössische Münze höher steigen? Die zeitgenössische Münze brachte als große Seltenheit rund das Zehnfache des ebenfalls enorm seltenen Novodels. Sie tat es auch, weil die Öffentlichkeit durch gute Medienarbeit auf die beiden Stücke aufmerksam wurde.















