Was ist eine Münze wert? Ein Kommentar
Haben Sie sich auch schon darüber gewundert, warum die eine Münze in der Auktion so viel, die andere Münze so viel bringt? Ursula Kampmann stellt ein paar extreme Beispiele vor, die alle im Juni 2026 versteigert wurden, und ordnet die Preise ein.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Der Münzhändler Erich Cahn prägte in den 1950er Jahren ein geflügeltes Wort. Er sagte: Eine Münze ist das wert, was ein Narr ist bereit für sie zu geben. Nun waren diejenigen, die in den 1950er Jahren (außergewöhnlich gut erhaltene) Münzen kauften, sicher keine Narren. Im Gegenteil. Sie haben ihr Geld zur Freude ihrer Nachkommen weise investiert. Erich Cahn hatte auch gar nicht die Absicht, ihnen vom Münzkauf abzuraten. Im Gegenteil. Seine Aussage steht lediglich dafür, dass Münzen eigentlich keinen in Zahlen fassbaren Wert besitzen. Jeder Preis ist ein Spiegel momentaner Vorlieben, Erwartungen und Begehrlichkeiten. Je höher der Preis, umso deutlicher wird das. Was ich damit meine, möchte ich in diesem Artikel illustrieren.

Ein Blick in den Auktionssaal von Künker bei der Versteigerung der Imperial Collection. Foto: UK
Spektakuläre Raritäten, unterschiedliche Preise
Am 23. Juni 2026 führte Künker in Osnabrück seine 442. Auktion durch. Es war ein riesiges Spektakel mit einem Saal voller Sammler, die zum Teil von weither angereist waren, einer ganzen Phalanx von Telefonen, über die Dutzende von Bietern mithielten, und natürlich dem Internet mit seiner internationalen Klientel. Das große Interesse ging darauf zurück, dass Künker die Sammlungen von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Kaiser Wilhelm I. versteigerte. Beste Provenienz in Kombination mit sagenhaften Erhaltungen! Schließlich wurden die meisten Medaillen nicht im Handel erworben, sondern kamen direkt von der königlichen Münzstätte ins imperiale Münzkästchen.
Enthalten waren nicht nur deutsche, sondern auch russische Raritäten, da die Preußen über eine mit Zar Nikolaus I. verheiratete Schwester einen direkten Draht zum Zarenhof hatten. Sie bekamen viele Münzen als Geschenk für die eigene Sammlung direkt aus der Münzstätte per Sonderkurier.
Künker hatte im Vorfeld großen Aufwand getrieben. Einige Stücke waren bereits nach USA und Japan gereist. Aus dem Katalog der Sammlung wurde ein Geschichtsbuch, würdig in jedes Bücherregal gestellt zu werden.
Etwa gleichzeitig führte Heritage in Hongkong eine World & Ancient Coins Platinum Session and Signature Auction durch. Dort wurde die Sammlung der Familie Peh angeboten. Katalog und Werbung – nun, so gut wie immer. Wer die Peh Familie ist? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass sie wunderschöne und interessante Münzen gesammelt hat.
So, und nun vergleichen wir ein paar Preise.

„Kosmos“ des Alexander von Humboldt. Goldmedaille zu 80 Dukaten von 1847. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. NGC MS65 PL. Fast Stempelglanz. Schätzung: 40.000 Euro. Zuschlag: 70.000 Euro. Bild: Künker
Alexander von Humboldt und der Kosmos
Beginnen wir mit einer Medaille, die für die Wissenschaftsgeschichte von höchster Bedeutung ist. König Friedrich Wilhelm IV. gab höchstpersönlich den Auftrag, für seinen alternden Hofnaturwissenschaftler, den berühmten Alexander von Humboldt, eine Goldmedaille zu 80 Dukaten zu schaffen, um die Publikation des 2. Bandes seines umfassenden Werks „Kosmos“ zu würdigen.
Um das mal kurz wissenschaftshistorisch einzuordnen. (Einen längeren Kommentar finden Sie hier.) Die Kosmos-Bände stehen für das erste Begreifen der Welt als Ökosystem, in dem alles miteinander zusammenhängt: Flora, Fauna, Klima – Mikro und Makro, Gewässer, Geologie und natürlich alle menschlichen Kulturäußerungen. Diese Publikation von Humboldt ist eine der zentralen Wurzeln unseres modernen Weltbilds.
Die Medaille ist darüber hinaus extrem selten! Es dürfte höchstens eine Handvoll davon in Gold geben, wahrscheinlich eher weniger. Das letzte Mal kam ein Stück im Jahr 1860 auf den Markt; es handelte sich dabei um Humboldts persönliches Exemplar. Diesmal war es das Exemplar von Kaiser Wilhelm I., und dafür ist ein Ergebnis von 70.000 Euro ganz nett, aber sicher nicht spektakulär, vor allem wenn man die Silbermedaille dagegen hält. Sie brachte 18.000 Euro, und das ist wirklich beeindruckend!

„Kosmos“ des Alexander von Humboldt. Silbermedaille von 1847. Aus dem Nachlass König Friedrich Wilhelms IV. Fast Stempelglanz. Schätzung: 1.500 Euro. Zuschlag: 18.000 Euro. Bild: Künker
Denn während im Deutschland des 19. Jahrhunderts nur sehr wenige Goldmedaillen entstanden, sind Silbermedaillen eine zwar nicht alltägliche, aber doch nicht ungewöhnliche Erscheinung. Die Seltenheit goldener Exemplare liegt daran, dass sich auch zur Blütezeit des Münzsammelns nur die wenigsten Bürger Abschläge in Gold leisten konnten (oder wollten). Sie waren zum Zeitpunkt ihrer Herstellung unglaublich teuer!

Einweihung des Monuments zu Ehren Friedrichs II. Goldmedaille zu 50 Dukaten von 1851. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. NGC MS63 PL. Fast Stempelglanz. Schätzung: 25.000 Euro. Zuschlag: 70.000 Euro. Bild: Künker
Ausgabepreis und Seltenheit
Für eine andere Medaille besitzen wir die Originalpreise, für die man sie zum Zeitpunkt ihrer Prägung in der preußischen Münzstätte erwerben konnte. Zwei Taler zahlte man für die bronzene, zwölf Taler für die silberne Version der Medaille auf die Einweihung des Denkmals Friedrichs II. von Preußen. Das goldene Prachtstück mit dem Gewicht von 50 Dukaten kostete 40 Friedrichsd’or resp. 200 Taler. Eine wahrscheinlich private (oder vielleicht auch kleinere) Ausgabe auf denselben Anlass kostete in Bronze einen, in Silber 2 1/2 und in Gold 50 Taler.
Zum Vergleich: In einem preußischen Amtsblatt des Jahres 1847 finden sich auf S. 6 behördliche Notverkäufe von Berliner Grundstücken. Ihnen entnehmen wir, dass komplette Stadthäuser als Sicherheit für einen Kredit von rund 700 Talern, große Streuobstwiesen als Sicherheit von 150 bis 200 Talern dienten. Eine Droschkenfahrt für 3 Personen kostete im gleichen Jahr einen Dritteltaler; und für 41Taler erwarb eine Berliner Gemeinde im Jahr 1847 drei prachtvolle, mit Silberfäden und silbernen Quasten handgestickte Textilien zum Schmuck des Altares, des Taufsteins und der Kanzel.
Wer konnte es sich also im Jahr 1847 leisten, für 50 resp. 200 Taler eine Goldmedaille zu erwerben? Und wie viele wohlhabende Familien haben ihren Reichtum durch alle Krisen und Inflationen bis heute gerettet, so dass sie nicht darauf angewiesen waren, ihre Goldmedaillen irgendwann einschmelzen zu lassen?
Das Verhältnis von Silber zu Gold
Mit anderen Worten: 1847 kostete eine Goldmedaille das Achzigfache einer Silbermedaille. Heute kann der Unterschied für deutscher Gold- resp. Silbermedaille – wie im Extremfall Kosmos zu sehen – bei nicht einmal 1:4 liegen.
Der Grund dürfte sein, dass die Zahl der Sammler, die für eine Silbermedaille zwischen einem hohen vierstelligen und einem kleinen fünfstelligen Betrag ausgeben können, wesentlich größer ist als die Zahl derer, die einen hohen fünfstelligen bzw. einen niedrigen sechsstelligen Betrag für ein Sammelobjekt bieten wollen. Damit konkurrieren wesentlich mehr Sammler um die Silber- wie um die Goldmedaillen.

Generalitätsmedaille im Gewicht von 120 Dukaten von 1871. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. 25 Exemplare in Gold geprägt. Fast Stempelglanz. Schätzung: 75.000 Euro. Zuschlag: 160.000 Euro. Bild: Künker
Ikonen der Geschichte und der Numismatik
Sehen wir uns zwei weitere Beispiele an, beides Ikonen der Geschichte und der Numismatik. Da haben wir zunächst die berühmte Generalitätsmedaille, Zeugnis der großen Siegesfeier nach dem Deutsch-Französischen Krieg, die gleichzeitig zur Gründungsfeier des modernen Deutschland wurde. Historischer geht es nicht mehr. Das Stück steht am Beginn des modernen Deutschlands und stammt aus dem Besitz dessen, der es schuf. Wir haben diese Geschichte ja schon erzählt.
160.000 Euro sind ein stolzer Preis für diese Medaille, aber ein Klacks, wenn man sie mit einer anderen Münze der Auktion vergleicht.

Nikolaus I. Familienrubel 1835, St. Petersburg. Vom Zar persönlich an seinen Schwager Friedrich Wilhelm IV. geschickt. 36 Stücke geprägt. NGC MS 64 (Top Pop). Fast Stempelglanz. Schätzung: 250.000 Euro. Zuschlag: 700.000 Euro. Bild: Künker
Was die Generalitätsmedaille für die deutsche Geschichte ist, ist der Familienrubel für die russische Numismatik. Er zeigt das Porträt des Zaren, das auf normalen Prägungen nicht erscheint. Trotzdem: Vom Familienrubel wurden 36 (nicht 25) Exemplare geprägt; er ist aus Silber (nicht aus Gold); allerdings handelt es sich um eine Münze, wenn auch um eine Probe, die nie umgelaufen ist, und nicht um eine Medaille.
Trotzdem brachte der Familienrubel mit 700.000 Euro mehr als das Vierfache der Generalitätsmedaille.

China. „Short Whiskered Dragon“ Dollar 1911. PSCG SP64+. Schätzung: 2.000.000 $. Zuschlag: 4.000.000 $. Bild: Heritage
Der Drache mit dem kurzen Schnurrbart
Auch der berühmte Short Whiskered Dragon Dollar ist eine sehr seltene Probe. Auch er ist nicht nur von numismatischer, sondern von höchster historischer Bedeutung. Wir haben das vor kurzem zusammengefasst. Der Hammer fiel für dieses Stück in Hongkong bei 4.000.000 $ – umgerechnet rund 3,5 Mio. Euro.
Ist also der chinesische Short Whiskered Dragon Dollar das fünffache eines russischen Familienrubels und das 25-fache einer Generalitätsmedaille wert?
Unterschiedliche Käuferkreise
Nein, es sind einfach andere, finanziell potentere Käuferkreise, die sich um diese Münzen gerissen haben.
Russland hat seit einigen Jahrzehnten seine eigene Logik. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs stiegen die Preise für russische Münzen um ein Vielfaches und sind seitdem zwar wieder leicht gesunken, spielen aber immer noch in einer ganz anderen Liga als der Rest der europäischen Münzen.
Hinsichtlich China ist es ähnlich. Hier erwarten sich viele Investoren hohe Steigerungen, weil sie auf die Größe der chinesischen Bevölkerung setzen, die erst langsam das Münzensammeln für sich entdeckt.
Heritage ist es in der Vergangenheit gelungen, ihren finanzkräftigen Sammlern klarzumachen, dass Münzen ein Potential als Anlageobjekt haben, dass eine Münze wesentlich seltener und historisch bedeutender ist als jeder Edelstein und jede Pokemonkarte; und dass man sie natürlich leichter aufbewahren kann als Orientteppiche und Ölgemälde.

Constantin der Große, 307-337. Nummus mit vollem Silbersud, Kyzikos, 317-320. NGC MS* 5/5 – 5/5, Silvering. Startpreis: 1 $. Zuschlag: 5.612 $. Bild: Heritage
Und so sind es nicht nur chinesische Münzen, von denen sich Anleger einen beeindruckenden Wertzuwachs erwarten. Nachdem die Münzen der USA so viel kosten, dass nur noch eine kleine Klientel sich die als gutes Investment bekannten höchsten Erhaltungsgrade leisten kann, weichen viele auf andere Gebiete aus.
Ein gutes Beispiel dafür ist Heritage Auktion 61.626 (ja, die Nummer stimmt!). Sie fand am 7. Juni 2026 statt und enthielt antike Münzen in hübschen Erhaltungen. Alle waren mit einem Startpreis von einem Dollar versehen. Heritage hat seine Kunden also sicher nicht hinsichtlich ihrer Gebote beeinflusst!
Nun bot jemand für einen Nummus von Constantin dem Großen – immerhin perfekt mit komplettem Silbersud! – 5.612 $ (= 4.927 Euro). Ein unglaublicher Preis! Aber es muss einen Unterbieter gegeben haben. Also wollten mindestens zwei Personen dieses wunderschöne Stück kaufen und waren bereit, dafür mehr als 5.000 Euro inklusive Aufgeld auszugeben. Und das für eine Münze, für die man in den 1990er Jahren auf dem deutschen Markt vielleicht mit viel Glück 400 Mark bekommen hätte.
Dieses Ergebnis ist weder Ausreißer noch Einzelfall. Ein häufiger Constantin vom Typ Beata Tranquillitas realisierte in der gleichen Auktion 2.074 $ (= 1.820 Euro), ein Trierer Constantin II mit VOT X 2.928 $ (= 2.570 Euro). Ist das etwa das neue Normal?
Was ist eine Münze wert?
Und damit sind wir bei unserer Kernfrage: Welcher Preis stimmt? Die 400 Mark, die ich 1990 in Deutschland für einen perfekten Konstantin mit Silbersud bekommen hätte? Oder die 5.000 Euro, die ein amerikanischer Kunde heute bereit ist, dafür zu zahlen?
Was ist ein numismatisches Objekt wert, das als zentrales Zeitzeugnis der Geschichte einer stolzen Nation begriffen werden kann? 160.000 Euro? 400.000 Euro? 3,5 Mio. Euro?
Ich glaube, ich schließe mich Erich Cahn an, auch wenn ich es natürlich etwas höflicher formulieren werde: Eine Münze ist das wert, was der Markt heute für sie zu bezahlen bereit ist.
Oder wie ein anderer Münzhändler namens Bernhard Schulte zu sagen pflegte: Taxen sind Faxen!
Alle Fotos der Firma Künker: Benjamin Seibt Lübke & Wiedemann









