Short-Whiskered Dragon: Der Drache mit dem kurzen Schnurrbart
Mit 2 Mio. US-Dollars schätzt Heritage eine Probe der chinesischen Münzstätte in Tientsin aus dem Jahr 1911. Die Probe ist extrem selten. Nur drei Stücke in privater Hand existieren. Viel wichtiger aber ist ihre historische Bedeutung, denn die Münze steht für den Zeitenwandel in China.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Am 17. Juni 2026 führt Heritage in Hongkong eine Auktion durch. Sie enthält etliche Highlights der chinesischen Numismatik. Unbestrittener Höhepunkt ist eine Probe, die Numismatiker als den „Short-Whiskered Dragon“ Dollar bezeichnen. Wir erzählen hier, warum dieser Drache mit dem kurzen Schnurrbart 2 Mio. US-Dollars und vielleicht noch wesentlich mehr wert sein könnte.

China. Puyi. Probe „Short-Whiskered Dragon“ Dollar, Jahr 3 (1911), Tientsin (heute Tianjin). PSCG SP64+. Schätzung: 2.000.000 $. Aus Auktion Heritage Hongkong Sale (17.-19. Juni 2026), Nr. 34033
Was ist auf dem Short-Whiskered Dragon Dollar zu sehen?
Zunächst eines: Eigentlich müsste man die Seite des Dollars als Vorderseite bezeichnen, auf der ausschließlich Schrift zu sehen ist. Doch in Auktionskatalogen wird lieber die Seite mit dem Drachen als Vorderseite abgebildet, wohl wegen des wesentlich eindrücklicheren Bildes.
Sprechen wir also lieber von der Schriftseite. Auf ihr lesen wir in der Mitte – natürlich alles in chinesischen Schriftzeichen – Silbermünze des Großen Qing.
Am Rand steht oben und unten das identische Datum, 3. Jahr der Ära Xuantong. Den Namen, den Puyis Regierungszeit trägt, könnte man in etwa mit „der Tradition verpflichtet“ übersetzen.
Gemeint ist also das dritte Regierungsjahr von Puyi, 1911. Während das Datum unten in chinesischen Schriftzeichen wiedergegeben ist, stammen die Schriftzeichen oben aus dem Mandschu, der Sprache der Mandschurei. Damit verweist die Schrift auf die ursprüngliche Herkunft der Dynastie der Qing.
Die Rückseite zeigt einen mächtigen chinesischen Drachen, dessen Leib die Schriftzeichen für die Einheit „Ein Yuan“ umfängt. Darunter liest man in lateinischen Buchstaben ONE DOLLAR. Wichtig sind die Schnurrhaare, die nur bis zum ersten Zeichen der Inschrift reichen.

Puyi mit seinem jüngeren Bruder und seinem Vater. Fotographie 1908/9
Warum ist der Short-Whiskered Dragon etwas so Besonderes?
Seltene Münzen gibt es in der Numismatik viele. Die meisten davon kann man für drei und vierstellige Summen kaufen. Damit ein Stück 2 Mio. $ wert sein kann, muss noch etwas dazu kommen. Es muss Gefühle auslösen, muss Bedeutung haben für diejenigen, die es besitzen wollen. Um zu verstehen, warum diese Münze so viele Gefühle auslöst, müssen wir ein bisschen zurückgehen in der chinesischen Geldgeschichte.
Die chinesische Münzreform
In China existierte bis weit ins 19. Jahrhundert ein völlig anderes Geldsystem als im Westen. Wer kleine Gegenstände des täglichen Bedarfs erwarb, zahlte mit Käsch aus unedlem Metall. Sie wurden im ganzen Reich hergestellt und dienten als reines Tauschmittel. Wer sparen wollte, investierte in Silber. Das erwarb man nicht im Form von staatlichen Münzen, sondern als privat hergestellte Barren. Der Staat legte allerdings die Gewichte fest und kontrollierte ihre Einhaltung. Gold spielte in diesem System keine Rolle.
Ende des 19. Jahrhunderts kämpften alle Länder, deren Währung auf Silber beruhte, mit einem Problem: Der Silberpreis sank dramatisch. Das brachte auch China in Not. Dazu drängten die ausländischen Wirtschaftspartner, ein Geldsystem nach westlichem Vorbild einzuführen. Etliche Provinzgouverneure taten das, andere nicht. Das Resultat war ein finanzielles Chaos, das durch den Wertverlust der chinesischen Währungen unter Dauerbelastung stand.
Dann kam ein Regierungswechsel: Am 13. November 1908 machte die einflussreiche Kaiserinwitwe Cixi den zweijährigen Puyi zum Thronfolger; am 14. November 1908 starb – man spricht von Gift – Kaiser Guangxu; am 15. November starb Strippenzieherin Cixi.
Damit verzögerte sich die lange überfällige Währungsreform, die Guangxu durchaus in Angriff genommen hatte. Seine Entscheidung, einen Tael in einer Feinheit von 980/1000 ausprägen zu lassen, wurde umgestoßen. Puyis Vater setzte das Currency Reform Investigation Bureau ein, das vorschlug, den Yuan in einer Feinheit von 900/1000 zu schaffen und sich so westlichen Währungen anzugleichen. Diese Entscheidung wurde im Rahmen einer Konferenz bestätigt, zu der Vertreter von Banken aus Großbritannien, den USA, Frankreich und Deutschland eingeladen waren. Diese Banken sollten China den gewaltigen Kredit – man spricht von rund 50 Mio. US-Dollar – verschaffen, mit dem die Infrastruktur des Landes modernisiert werden konnte.
Luigi Giorgi
Die Münzstätte von Tientsin, heute Tianjin, erhielt den Auftrag, die Proben herzustellen. Für die Stempel zeichnete Giorgi Luigi (1880-1954) verantwortlich. Dieser Giorgi Luigi ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Chef-Graveur der italienischen Münzstätte.
Unser Giorgi Luigi wurde 1880 in Mailand geboren und erhielt seine Ausbildung an der Scuola di Disegno der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand. Von 1904 bis 1910 arbeitete er bei Stefano Johnson, einer renommierten italienischen Privatmünzstätte.
1910 übersiedelte Luigi mit der gesamten Familie nach China, um als Chefgraveur in Tientsin zu arbeiten und die Ausbildung zukünftiger Stempelschneider zu leiten. Vermittelt hatte das der italienische Botschafter in Peking. Giorgis Bestallung war zunächst auf drei Jahre beschränkt, wurde aber zweimal verlängert. Sein erster bedeutender Auftrag war der Entwurf der neuen, gesamtchinesischen Währung, der Yuan.
Bevor wir uns damit beschäftigen, zunächst ein Blick darauf, was weiter mit Giorgi geschah: 1919 verlängerte das chinesische Finanzministerium seinen Vertrag nicht mehr. Grund für die „Entlassung“ könnte ein kulturelles Missverständnis gewesen sein, das ein unehrlicher Übersetzer für seine Zwecke ausnutzte: Während das chinesische Finanzministerium davon ausging, dass mit Giorgis Gehalt alle Stempel bezahlt seien, erwartete Giorgi, wie in Europa üblich, für jeden Stempel eine Prämie.
1920 kehrte Giorgi nach Varese in Italien zurück. Dort arbeitete er zunächst als unabhängiger Graveur, ehe er mit seinen Söhnen ein Geschäft für Photographie und Optik in Varese gründete, wo er 1954 starb.

China. Puyi. Probe „Long-Whiskered Dragon“ Dollar, Jahr 3 (1911), Tientsin (heute Tianjin). NGC PR63. Schätzung: 500.000-700.000 $. Zuschlag: 1.000.000 $. Aus Auktion Heritage Hongkong Sale (11. Dezember 2021), Nr. 34011
Die Proben zum neuen Yuan
Drei verschiedene Typen des kaiserlichen Drachen entwickelte Luigi Giorgi für den neuen Yuan der Zentralregierung:
- Long-Whiskered Dragon – mit langen Barthaaren, die bis zur Wertangabe reichen
- Short-Whiskered Dragon – mit kurzen Barthaaren prominentem Drachenkopf
- Curved-Whiskered Dragon – mit gebogenen Barthaaren
Eduard Kann, Autor des Standardwerks zur chinesischen Numismatik, stand mit Giorgi in Briefkontakt. Kanns Rekonstruktion der Motiventwicklung dürfte also korrekt sein. Er berichtet von mehreren Überarbeitungsphasen, nachdem der Long-Whiskered Dragon entstanden war. Es folgte eine Überarbeitung der Kalligrafie sowie der floralen Elemente. Dann kürzte Giorgi den Schnurrbart. Es soll sogar Übergangslösungen mit einem mittellangen Schnurrbart gegeben haben. Erst gegen Ende wurde der Curved-Whiskered Dragon entwickelt, das direkte Vorbild des „Flying Dragon“ der tatsächlich ausgeprägten Dollars.
Der wurde in den Münzstätten von Tientsin und Wuchang geprägt und ohne großes Aufsehen 1911 in Kurs gesetzt, um die Soldaten der Regierungstruppen zu bezahlen. Die Revolution hatte begonnen. Puyi unterlag. Die Republik siegte. Das Münzbild blieb. Man ersetzte es erst 1914 durch eines, das besser zur neuen Republik zu passen schien.
Damit stehen die Proben zum neuen Yuan an der Schnittstelle zwischen altem und neuem China. Sie sind ein Symbol des Übergangs, können sowohl als die letzten Münzen der chinesischen Kaiser als auch als die ersten Münzen der jungen Republik interpretiert werden.
Was ist ein Short-Whiskered Dragon Dollar wert?
Eine Million Dollar ohne Aufgeld erzielte ein „Long-Whiskered Dragon“ bei Heritage im Dezember des Jahres 2021. Dies ist der höchste Preis, den das CoinArchive für diesen Typ kennt. Die Zuschläge variieren – je nach Qualität und Auktionshaus – stark. Eines aber ist klar. Während fast jedes Jahr irgendwo ein „Long-Whiskered Dragon“ angeboten wird, ist außer dem jetzt bei Heritage angebotenen „Short-Whiskered Dragon“ kein einziges Stück beim CoinArchive gelistet.
Was das Stück am 17. Juni 2026 bringen wird, werden wir Ihnen selbstverständlich berichten.















