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Stolperstein für Philipp Lederer

Auf Initiative des Berliner Münzkabinetts wurde vor der einstigen Berliner Münzhandlung Philipp Lederers ein Stolperstein verlegt. Damit erinnert die deutsche Stolpersteininitiative an einen bedeutenden deutschen Numismatiker und Münzhändler jüdischen Glaubens, der zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurde.

von Ursula Kampmann

Inhalt

Der neue Stolperstein für Philipp Lederer. Foto: © Münzkabinett Berlin

Der neue Stolperstein für Philipp Lederer. Foto: © Münzkabinett Berlin

Philipp Lederer (1872-1944) gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zu den wichtigsten deutschen Münzhändlern. Er ist ein typisches Beispiel einer Generation von gebildeten Münzhändlern jüdischen Glaubens, die genauso für Auktionskataloge wie für wissenschaftliche Abhandlungen verantwortlich zeichneten.

Während seines Studiums der Klassischen Archäologie und Altphilologie arbeitete Lederer im Geschäft von Jacob Hirsch, mit dem er verwandt war. Dort katalogisierte er bedeutende Sammlungen wie die Sammlung Rhousopoulos und Consul Weber, während er gleichzeitig an seiner Dissertation über die Tetradrachmenprägung von Segesta arbeitete. Die 1910 publizierte Monographie gilt heute als Meilenstein der Numismatik. Sie basierte, was damals noch nicht üblich war, auf einer systematischen Stempelstudie.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Lederer und dem Berliner Münzkabinett

Philipp Lederer eröffnete 1911 am Kupfergraben 4 direkt gegenüber dem späteren Bode-Museum seine Münzhandlung. Zu seiner Kundschaft gehörten viele ernsthafte Sammler, darunter – um nur zwei prominente zu nennen – Sigmund Freud und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann.

Auch das Berliner Münzkabinett vertraute Lederer. Es ließ durch ihn seine Aufträge im Rahmen von internationalen Auktionen ausführen und versteigerte über ihn die Dubletten, die sich aus dem Erwerb der Sammlung Löbbecke ergeben hatten. Wie eng die Verbindung war, illustriert ein Blick ins Besucherbuch des Jahres 1929: Dort finden wir den Namen Philipp Lederer insgesamt exakt 100 Mal. Lederer besuchte den Studiensaal des Münzkabinetts also an jedem 2. Werktag.

Philipp Lederer (1872-1944). Aus Schweizer Numismatische Rundschau 32 (1946), S. 69

Philipp Lederer (1872-1944). Aus Schweizer Numismatische Rundschau 32 (1946), S. 69

Verfolgung in Zeiten des Nationalsozialismus

Hatte Philipp Lederer bis 1933 eine sehr aktive Rolle in der numismatischen Gemeinschaft Berlins gespielt, änderte sich seine Position durch die Machtergreifung, allerdings zunächst nur mit wenigen spürbaren Einschränkungen. Er durfte seine Münzhandlung weiterführen. Wahrscheinlich weniger weil er als aktiver Soldat im Ersten Weltkrieg gedient hatte, sondern eher weil ihn das nationalsozialistische Regime so als Bindeglied zu deutschen Sammlern jüdischen Glaubens missbrauchen konnte. Diese wurden systematisch in Geldnot gebracht. Viele von ihnen mussten die sehr hohe „Fluchtsteuer“, die im Falle einer Auswanderung erhoben wurde, prophylaktisch hinterlegen. Das Geld konnten sich viele Sammler nur durch einen Münzverkauf besorgen, wie ihn Philipp Lederer organisierte. So verschaffte er dem Regime Devisen und sich selbst ein Einkommen. Er wird sich getröstet haben (und das zu Recht!), dass er so wenigstens die schlimmste Ausbeutung seiner Kunden verhinderte.

Mit den Novemberpogromen 1938 erteilte die nationalsozialistische Verwaltung auch Lederer ein vollständiges Berufsverbot. Dem inzwischen 66-jährigen gelang es, zu seiner Schwester nach Lugano zu fliehen. Dabei musste er sein Lager mit 2.211 Silber- und 169 Goldmünzen zurücklassen. Wie Herbert Cahn es in seinem Nachruf formuliert: „Für ihn war eine fest geglaubte Welt zusammengebrochen.“

Lederer soll, so Cahn, versucht haben, „den Schock durch eifrige wissenschaftliche Tätigkeit zu überwinden“. Kann man das? Lederer starb wenige Jahre später nach kurzer Krankheit für seine Freunde unerwartet. Er fand den Mut zum Durchhalten wohl doch nicht mehr.

Der neue Stolperstein für Philipp Lederer wird verlegt. Foto: © Münzkabinett Berlin

Der neue Stolperstein für Philipp Lederer wird verlegt. Foto: © Münzkabinett Berlin

Stolpersteine

Menschen wie Philipp Lederer werden leicht vergessen. Denn das Leid einer anonymen Menge lässt sich leichter verdrängen, als das Leid eines Individuums, das uns bewegt. Aus diesem Geist heraus ist das Stolperstein-Projekt von Günter Demnig entstanden. Es erinnert mit mittlerweile über 100.000 verlegten Pflastersteinen in Europa an das tragische Schicksal vieler Individuen.

Nie war das Stolperstein-Projekt aktueller als heute. Viele tendieren dazu, Individuen nicht mehr als Mitbürger wahrzunehmen, sondern als Vertreter eines für feindlich erachteten Glaubens, einer fremden Abstammung oder einer uns unverständlichen politischen Überzeugung. Alltäglichkeiten wie Name, Alter, ein Wohnort, eine Arbeitsstätte und Stichworte zum Leben, wie sie auf einem Stolperstein stehen, regen die Phantasie an und geben ein kleines Stück Individualität zurück.

Eine Initiative des Berliner Münzkabinetts

Den Stolperstein für Philipp Lederer zu verlegen, geht auf eine Initiative des Berliner Münzkabinetts zurück. Es ist ein Zeichen der Menschlichkeit und ein sichtbaren Ausdruck der Erschütterung, die durch die Ergebnisse der numismatischen Provenienzforschung ausgelöst wurde. So schloss sich an die Verlegung des Stolpersteins ein kleines Kolloquium an, das sich mit dem Wirken des Münzhändlers Philipp Lederer beschäftigte. Das ist bemerkenswert aus mehreren Gründen. Es ist neu, dass Münzkabinette in diesem Maße den Anteil anerkennen, den Münzhändler an der Entstehung staatlicher Sammlungen hatten. Und es ist mutig, sich in Berlin für das Nichtvergessen dessen einzusetzen, was während des Nationalsozialismus geschah. Es ist mutig, und es ist notwendig. Die offizielle Statistik der Berliner Polizei registrierte für das Jahr 2024 insgesamt 1.823 antisemitische Straftaten. Tendenz rapid steigend.

Christian Stoess verfasste einen Artikel zum Verhältnis des Berliner Münzkabinetts und des Münzhandels in der Epoche des Nationalsozialismus. Sie können ihn auf Academia.edu lesen.

Auch der Nachruf Philipp Lederers aus der Feder von Herbert Cahn in der Schweizer Numismatischen Rundschau steht online.

Wer einen Eindruck erhalten möchte, wie komplex die moralischen Fragen sind, denen sich Provenienzforscher stellen müssen, sollte die inzwischen etwas ältere Rezension des Buchs „Spuren der Verfolgung“ noch einmal lesen. Sie steht dank unserer Sponsoren auf der Website der alten MünzenWoche immer noch zur Verfügung.

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