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Münzbörsen-Knigge: Wie sich ein Sammler am Tische des Händlers verhalten soll

Gute Manieren scheinen der Vergangenheit anzugehören. Wer Geld ausgibt, nimmt sich oft das Recht, sich miserabel zu benehmen. Beliebt macht man sich damit nicht. Im Gegenteil. Gutes Benehmen hilft, Konflikte zu vermeiden. Wir denken darüber nach, was gutes Benehmen für einen Sammler auf einer Münzbörse bedeutet.

von Ursula Kampmann

Inhalt

1788 publizierte Adolph Freiherr von Knigge sein Buch „Über den Umgang mit Menschen“. Darin ging es nicht darum, ob man Fisch mit dem Messer essen darf. Der Freiherr hielt vielmehr fest, welche Verhaltensweisen er im zwischenmenschlichen Umgang für besonders erstrebenswert hielt. Wie lehnte man zum Beispiel den Wunsch eines Bittstellers ab, ohne ihn zu beleidigen? Wie verhielt sich eine junge Frau, wenn sie einen Heiratsantrag erhielt, mit dem sie nicht gerechnet hatte? Galten andere Regeln der Höflichkeit im Umgang mit Beamten? Offizieren? Herrschern? Wie widersprach man einem Höhergestellten?

Ein guter Knigge ist also kein fixes Regelwerk. Er vermittelt stattdessen zwischen Menschen und hilft ihnen dabei, sich in die Position des jeweils anderen zu versetzen. So kann man die eigene Aufmerksamkeit und das Verständnis für kulturelle Unterschiede schulen. Und damit sind nicht nur nationale Grenzen gemeint, sondern mentale. Es geht darum zu verstehen, warum für uns selbstverständliches Benehmen das Gegenüber so unsagbar irritiert.

Wir möchten einen neuen Maßstab erarbeiten, wie korrektes Verhalten aussehen könnte. Helfen Sie uns dabei! Informieren Sie uns, was Ihnen im Münzbörsen-Knigge fehlt!

Regel 1: Warte bis Du an der Reihe bist!

Ein langer Tisch, dahinter ein einzelner Münzhändler mit vielen Tabletts. Ihm gegenüber ein Kunde, der sich einfach nicht entschließen kann. Ist es nicht nervig, dazustehen und zu warten, bis sich der Münzhändler endlich erbarmt, und einem das Tablett öffnet? Natürlich ist das nervig. Aber wenn sie eine teure Münze – oder sagen wir lieber, eine Münze, die ihnen teuer erscheint – kaufen, hätten auch Sie gerne die volle Aufmerksamkeit des Händlers.

Nun sind leider in der Vergangenheit Münzdiebstähle häufiger geworden. Das bedeutet, dass ein Händler sich nicht wohl fühlt, wenn zu viele Tabletts auf seinem Tisch geöffnet sind. Er wird also froh sein, wenn Sie ihn nicht hetzen und zwingen, seine Aufmerksamkeit zu teilen, sondern höflich darauf warten, bis Sie an der Reihe sind.

Regel 2: Erzähl dem Händler nicht Deine gesamte Lebensgeschichte!

Umgekehrt gilt es natürlich auch, die Aufmerksamkeit des Händlers nicht über Gebühr zu beanspruchen. Ein Händler steht auf einer Münzbörse, um Geschäfte zu machen und nicht um seinen Kunden die Zeit zu vertreiben. Es ist schade, wenn Sie als Sammler niemanden haben, dem Sie von den glorreichen Ankäufen für ihre Sammlung erzählen können. Aber ein bis dahin unbekannter Händler ist dafür sicher die am wenigsten geeignete Person, vor allem wenn andere Kunden warten, die sich gerne von ihm Münzen vorlegen lassen würden, um zu kaufen.

Regel 3: Der Tisch ist das Territorium des Händlers

Ein Händler bezahlt für einen Tisch und für die Dauer einer Münzbörse ist dieser Tisch sein Territorium. Wenn ein Händler beschließt, diesen Tisch nicht bis auf die letzte Ecke mit Münzen vollstopfen, ist es trotzdem sein Tisch und nicht der Ihrige. Wenn Sie also Ihre Tasche neu sortieren müssen, dann tun Sie das nicht auf dem Tisch des Händlers, sondern suchen sich dafür einen neutralen Platz.

Regel 4: Blockiere den Zugang zu einem Tisch nicht

Es ist mindestens genauso unhöflich, den Zugang zu einem Tisch zu blockieren. Ganz egal, ob Sie sich nur unterhalten wollen oder dringende Geschäfte abwickeln müssen, gehen Sie dazu an einen neutralen Platz. Und wenn Sie wirklich wichtige Geschäfte haben: Warum mieten Sie sich nächstes Mal nicht selbst einen Tisch?

Regel 5: Was beim Besichtigen einer Münze zu beachten ist

Nehmen wir nun an, der Händler hat Zeit für Sie und legt Ihnen seine Münzen vor. Dann ist die wichtigste Regel, dass Sie seine Münzen so behandeln, dass daran kein Schaden geschieht. Tappen Sie nicht mit dem Finger auf das perfekte Feld einer Polierten Platte! (Ja, ja, schon vorgekommen!) Sorgen Sie dafür, dass die Münze nicht herunterfällt und einen ekligen Randschaden erhält. Auch wenn das Licht schlecht ist, entfernen Sie sich nicht vom Händlertisch, um das Stück genauer anzusehen. (Umgekehrt wird es in den Regeln für Münzhändler stehen, für gutes Licht am Tisch zu sorgen.) Vor allem wenn ein Händler Sie nicht kennt, lösen Sie damit Unbehagen aus. Schließlich weiß der Händler ja nicht, ob sie nicht im Gewühl der Münzbörse verschwinden wollen.

Regel 6: Wie man über die Münzen anderer spricht

Es gibt Menschen, die glauben, sie könnten einen Händler herunterhandeln, indem sie gleich von Anfang an seine Münzen schlecht machen. Tun Sie das nicht! Der Händler dürfte mit ziemlicher Sicherheit mehr über seine Münzen wissen als Sie. Im besten Fall wird er Ihre Ausführungen nicht zur Kenntnis nehmen. Im schlechtesten Fall machen Sie ihn wütend und dann wird der Preis, den er für eine Münze verlangt, nur noch höher.

Regel 7: Der Händler bestimmt, ob er handeln will oder nicht

Überhaupt, diese Unsitte des Feilschens. Ja, ein kleiner Rabatt könnte auf einer Münzbörse drin liegen. Aber ob der Händler ihn geben will oder nicht, ist immer seine Sache. Seine Sache ist es auch festzulegen, wo das Ende des Feilschens ist. Beleidigen Sie ihn nicht, indem Sie ihm einen Preis anbieten, der weit unter seinem Einkauf liegt. Münzbörsen sind kein Basar. Wenn der Händler mit seinem Preis nicht weiter nach unten gehen will, ersparen Sie sich Mühe und ihm Ärger, indem Sie das anerkennen und mit dem Feilschen aufhören.

Regel 8: Reserviere keine Münze so lange, dass der Händler sie nicht mehr verkaufen kann

Eine besondere Unart ist es, sich bei einem Händler eine Münze reservieren zu lassen, und dann nicht mehr an seinem Tisch zu erscheinen, um ihm wegen des Kaufentscheids Bescheid zu geben. Manchmal mag es Sinn machen, sich ein Stück reservieren zu lassen, aber viele Händler tun das inzwischen nicht mehr, weil sie mit solchen Reservierungen schlechte Erfahrungen gemacht haben. Deshalb, sollte der Händler tatsächlich bereit sein, ein Stück für Sie zu reservieren, dann sorgen Sie bitte dafür, dass er es nicht bereut und auch das nächste Mal wieder zu reservieren bereit ist.

Regel 9: Wie man mit Schokolade umgeht

Viele Münzhandlungen bieten ihren Sammlern am Tisch eine kleine Aufmerksamkeit wie Schokolade an. Sie machen dabei keinen Unterschied zwischen Käufer und Nicht-Käufer, erwarten aber von Ihnen eine natürliche Scham. Es ist äußerst unhöflich, mit der ganzen Hand in eine Schale hineinzugreifen, um möglichst viel zu erbeuten. Nehmen Sie sich stattdessen nur ein Stück Schokolade, denn auch diejenigen, die später kommen, möchten noch etwas haben.

Regel 10: Fragen Sie, bevor Sie einen Katalog nehmen

Dieselbe natürliche Höflichkeit sollten Sie auch auf andere Geschenke eines Ausstellers anwenden. „Bitte“ und „Danke“ erfreuen das Herz jedes Schenkenden, auch wenn er ihnen sein Geschenk direkt in die Hand gedrückt hat. Vor allem wenn Sie etwas von einem Tisch nehmen, fragen Sie erst, ob Sie es nehmen dürfen. Natürlich bringen viele Aussteller Dinge mit, die sie verteilen wollen. Aber manchmal ist ein Katalog nicht rechtzeitig erschienen, so dass nur noch ein einzelnes Anschauungsexemplar vorliegt.

Regel 11: Was tue ich, wenn ein Händler am Tisch isst?

Münzbörsen haben keine Mittagspause. Das bringt es mit sich, dass viele Händler am Tisch schnell eine Kleinigkeit essen. Es ist äußerst unangenehm, von einem Kunden angesprochen zu werden, während die eigenen Finger klebrig und der Mund voll ist. Deshalb: Wenn sich der Händler zurückgezogen hat, um zu essen, achten Sie genau auf sein Benehmen. Eilt jemand anderer zu ihrer Bedienung herbei, lassen Sie den Händler bitte in Ruhe weiteressen. Zeigt er, dass er gleich zu Ihnen kommt, geben Sie ihm die Zeit, zu kauen und hinunterzuschlucken. Das Gespräch mit ihm wird wesentlich angenehmer sein.

Regel 12: Wo esse und trinke ich?

Da Sie als Sammler keinen Zwang haben, hinter einem Tisch Ihre Münzen zu bewachen, gilt für Sie, dass Sie sich zum Essen in die dafür vorgesehenen Bereiche zurückziehen. Kein Händler schätzt es, wenn Krümel auf seine Münztabletts fallen.

Regel 13: Wann stelle ich zeitaufwändige Fragen?

Münzhändler kommen auch zu Münzbörsen, um das Gespräch mit ihren guten Kunden zu suchen. Allerdings freuen sie sich sehr darüber, wenn der Kunde ein gewisses Gespür dafür entfaltet, wann er seine Frage stellen kann. Münzbörsen durchlaufen einen Zyklus, der sich von Land zu Land leicht unterscheidet. Während es in Deutschland in der Regel am Morgen hektisch zugeht, wird es ab dem frühen Nachmittag ruhiger. Jetzt kann sich der Händler die Zeit nehmen, Sie zu beraten.

Lieber Leser, dieser Münzbörsen-Knigge wurde auf Basis der Erlebnisse formuliert, die ich selbst hinter unzähligen Ausstellungstischen gehabt habe. Es wird selbstverständlich eine Fortsetzung geben, in der ich umgekehrt beschreibe, wie sich ein Händler im besten Falle gegenüber dem Kunden verhält. Gestalten Sie diesen Knigge mit. Schreiben Sie mir, welches Verhalten Sie erfreut, welches Verhalten Sie einfach schockierend finden. Denn gute Sitten sind immer Verhandlungssache und passen sich der Gesellschaft an, die sie einhält. Vielleicht gelten in anderen Ländern ganz andere Regeln.

Ich freue mich auf Ihr Feedback!

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