Coiniverse: Bankrott mit Ansage
Coiniverse, Ableger der Mint of Finland, deklarierte zum 30. Juni 2025 seinen Bankrott. Nicht unerwartet. Kenner der Branche wunderten sich schon längst über das Business-Modell des Unternehmens.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Gehen wir zurück in die späten 2010er Jahre. Damals lag die Idee in der Luft: Warum nicht einen Katalog der modernen Münzen im Internet zur Verfügung stellen? Die einen hofften, damit neue, internationale, junge Kundengruppen zu gewinnen, andere wollten den Zweitmarkt für zeitgenössische Münzen beleben.
Coiniverse: Technik, Technik, Technik
Die Mint of Finland interessierte sich als Münzstätte eigentlich nur für ersteres. Sie wollte auf der Coiniverse App allen anderen europäischen Münzstätten einen gemeinsamen Marktplatz zur Verfügung stellen und so Synergie-Effekte nutzen. Denn wer österreichische Münzen kauft, interessiert sich wahrscheinlich auch für die Münzen der Slowakei oder Kroatiens. Der Zweitmarkt? Für Münzstätten nicht interessant. Sie verdienen nichts daran, und die meisten haben bis heute nicht verstanden, dass die meisten Sammler nur deshalb Gedenkmünzen kaufen, weil sie darauf hoffen, sie irgendwann wieder zu einem fairen Preis zu verkaufen.
Im Jahr 2016 begann die Mint of Finland mit der Entwicklung ihrer neuartigen Sammler App. Am technischen Team wurde nicht gespart. Es versammelte eine Elite der finnischen IT-Entwickler. Numismatiker? Glänzten durch Abwesenheit. Das Konzept? Eher weltfremd. Angedacht war, die immensen Entwicklungskosten über die sehr hohe Beiträge von Münzstätten zu decken, die ihre Neuprägungen auf Coiniverse anbieten sollten. Einige große Münzstätten unterstützten das Projekt von Anfang an. Wohl hauptsächlich wegen des Vertrauens, dass man der Mint of Finland entgegenbrachte.
Der Sammler sollte auf der Coiniverse App seine Münze katalogisieren und in Sammlungen legen können. Man brüstete sich modernster Technik. Schnell die Münze mit dem Smartphone fotografiert, schon bestimmte die App und zeigte den Katalogeintrag.
Und damit sind wir beim Problem. Der Katalog funktionierte – für einen winzigen Teil aller Münzen. Denn während die Technik erste Sahne war, war es der Katalog nicht.
Hier setzte die Mint of Finland auf eine Mischung aus billig angekauften Datensätzen und Wiki-Prinzip. Das Wiki-Prinzip beruht darauf, dass auch Benutzer ohne Administratorenrechte Katalogeinträge hochladen und editieren können. Die Idee war, ohne Kosten dafür mich hoher Schwarmintelligenz einen Katalog aufzubauen. Die teuren Bildrechte zu erwerben oder die Bilder selbst zu sammeln, erschien der Mint of Finland überflüssig. Die Nutzer von Coiniverse würden sie selbst machen und zur Verfügung stellen.
Was in der Theorie noch gut klang, war für die Praxis ungeeignet. Nur die wenigsten Sammler wissen, wie man korrekt katalogisiert, und dass auf die meisten Bilder im Internet ein Copyright besteht.
Numismatik? Wer braucht das?
Erinnern Sie sich an die Anfangsphase von Wikipedia? Damals waren die meisten Artikel so schlecht, dass man vor ihrer Nutzung nur warnen konnte. Heute besitzt Wikipedia eine kleine Armee von freiwilligen (und oft hervorragend ausgebildeten) Administratoren. Sie prüfen jede Änderung, ehe sie sie freigeben. Eine perfekte Qualitätskontrolle! So weit hat es Coiniverse nie gebracht.
Denn es fehlte die Sensibilität, dass ein numismatischer Katalog ein gewisses Vorwissen braucht. Genauso sahen viele Wiki-Katalogeinträge aus, nachdem die App im Januar 2021 gestartet war. Trotzdem nahm das Projekt Fahrt auf – wenn man der PR von Coiniverse glaubt. Bereits 2022 sprach man von 100.000 Katalogeinträgen. Neue Münzstätten wurden mit einem gewaltigen Zuwachs an Nutzern gelockt. Wobei diese Zahl nicht allzu aussage kräftig war: Jeder der sich Coiniverse ansehen wollte, musste die App herunterladen. Ob er sie anschließend nutzte, steht auf einem anderen Blatt. Schließlich gibt es bessere Alternativen im Netz, so die vorbildliche Numista oder den Cosmos of Collectibles.
Das Ende der Mint of Finland, der Anfang vom Ende von Coiniverse
Die Mint of Finland hatte zu diesem Zeitpunkt ganz andere Probleme. Ihr Coiniverse war auch der Versuch, am boomenden Sammlermarkt teilzuhaben, weil die Produktion von Umlaufmünzen – Kerngeschäft der Mint of Finland – stagnierte. Corona im Frühjahr 2020 war für die Mint of Finland ein Desaster: der Bargeldverbrauch fiel drastisch und das Defizit stieg. 2020 machte die Mint of Finland ein Minus von 5,1 Mio. Euro. Das entsprach fast dem Vierfachen des Verlusts aus dem Jahr 2019, als sich der Rückgang der Bargeldnutzung abzuzeichnen begann. 2022 summierten sich die Verluste auf 9,9 Mio. Das war dem finnischen Staat zu viel. Er suchte einen Käufer für das defizitäre Unternehmen. Der wurde nicht gefunden, das Konglomerat in seinen Einzelteilen verkauft. Coiniverse wurde im August 2023 als unabhängiges Startup am Markt positioniert; die Rondenherstellung zum 31. Dezember 2023 verkauft; die Mint of Finland 2025 geschlossen.
Den letzten beißen die Hunde
Seitdem hat die neue Geschäftsleitung Hunderttausende von Euros an Investorengeldern verbrannt, um ihre App wieder flott zu kriegen. Allein im April 2024 beteiligte sich der britische Investment Fund ACF Investors mit 225.000 $ Einlage. Wie viel der andere Investmentfond VNTRS gegeben hat, ist unbekannt. Es dürfte nicht viel weniger gewesen sein.
Doch trotz dieser riesigen Summen kam Coiniverse auf keinen grünen Zweig. Kein Wunder! Die App war da, aber es fehlte so viel, unter anderem eine tiefe Kenntnis des Sammlermarkts, die es erlaubt hätte, ein zielführendes Geschäftsmodell zu implementieren.
Das Resümee: Technik ist wichtig. Viele gute Ideen von Kennern des numismatischen Markts scheitern daran, dass sie nicht einschätzen können, wie aufwändig die Technik sein wird, die sie zur Umsetzung ihrer Ideen brauchen. Aber genauso wichtig ist die Kenntnis des Marktes, für den eine Anwendung geschaffen wird. Nun kennen Münzstätten meist nur diejenigen, die neue Münzen kaufen. Sie glauben damit, den Sammlermarkt zu kennen, aber der ist viel mehr. Sammler kaufen nicht nur, sie sammeln, tauschen, verkaufen, erforschen, tauschen sich aus und vieles mehr.
Alles in allem muss man sagen: Wie schade! Coiniverse hätte eine Lücke füllen können. Und Lücken gibt es viele. Es fehlt zum Beispiel immer noch eine spezialisierte Plattform für den C2C-Handel mit modernen Münzen. Damit hätte man nicht nur das Zweitmarkt-Problem adressiert, sondern hätte auch Geld damit verdienen können.
Nun, was hilft es zu klagen. Coiniverse ist Geschichte. Was Münzstätten aus der Geschichte lernen, bleibt der Zukunft überlassen.