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Aus für Berliner Institut für Archäologie?

Die Humboldt-Universität kündigt an, dass das Institut für Archäologie auf Grund von Einsparvorgaben „neu aufgestellt“ werden müsse. Betroffen sind auch Seminare zur Numismatik. Ist die geplante Schließung ein Zeichen der Zeit?

von Ursula Kampmann

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Humboldt Universität. Foto: KW

Humboldt Universität. Foto: KW

Geld ausgeben macht Spaß. Sparen nicht. Dass Sparen trotzdem manchmal notwendig ist, kann niemand bestreiten. Aber während wir in unserem eigenen Leben entscheiden können, ob wir uns lieber ein Buch oder das Mittagessen kaufen, gilt das für staatliche Mittel nicht. Da heißt es: Wer die kleinste Lobby hat, kriegt am wenigsten Geld. Und anscheinend geht das Präsidium der Humboldt-Universität davon aus, dass man es der breiten Öffentlichkeit vermitteln kann, dass das Institut für Archäologie nicht mehr in dieser Form weitergeführt wird.

Man plant, die Altertumswissenschaften „neu aufzustellen“, was immer das heißen mag. Man beruft sich auf das Berliner Antike-Kolleg, das im Verbund die „altertumswissenschaftliche Forschung in Berlin und Brandenburg“ fördert. Unter den Kürzeln BAK und MPIWG  vernetzen sich die Berliner Universitäten mit dem Deutschen Archäologischen Institut, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

„Jedes Kind hat ein Recht auf Latein“

Natürlich sind die Betroffenen mit dieser Sparmaßnahme nicht einverstanden. Und es ist interessant, wie sie argumentieren: Gabriel Zuchtriegel gab der FAZ als Unterzeichner der Petition zum Erhalt des Instituts ein ausführliches Interview. Darin beklagt er, dass eine „als woke getarnte neoliberale Politik“ Europa von seinen Wurzeln abschneide. Gleichzeitig verweist er auf den queeren Winckelmann, nach dem das von der Schließung bedrohte Institut benannt ist, und bedient feministische Ideale, indem er betont, dass es die Humboldt-Universität war, die in Deutschland die erste Frau als Professorin für Archäologie berief. Darüber, warum eine Gesellschaft sich so ein Institut leisten soll, erfährt man wenig, selbst die Forderung, dass Kinder die Möglichkeit erhalten bleiben soll, Latein im regulären Unterricht zu lernen, bleibt bei der Forderung stehen, ohne die Vorteile dieser Sprache zu schildern.

Dasselbe Bild erhält man, wenn man sich die Petition für den Erhalt des Archäologischen Instituts durchliest, die es natürlich auch gibt. Die Argumente sind erschreckend dünn. Das Wichtigste davon ist, dass damit 200 Jahre wissenschaftliche Tradition enden würden. Die anderen stammen aus der Innensicht: Forschern werde die Planungssicherheit genommen und Studierende abgeschreckt.

Braucht Berlin ZWEI Institute für klassische Archäologie?

Aktuell soll jeder in Berlin lebende Mensch statistisch bereits mit 18.000 Euro verschuldet sein, und die Ausgaben bleiben hoch; die Schulden steigen täglich. Es muss gespart werden. Jetzt ist die Frage: Wo?

Die klassische Archäologie scheint sich angeboten zu haben. Und ob die Argumente, die bisher dagegen vorgebracht wurden, eine Berliner Bevölkerung überzeugen, dass es an der Humboldt-Universität ein Institut für Archäologie braucht? Ach was sage ich, dass sich Berlin ZWEI Institute für klassische Archäologie leisten muss, eines an der Humboldt-Uni und eines an der Freien Universität Berlin. Und das an der Freien Universität ist nicht von der Schließung betroffen.

Wie viele klassische Archäologen braucht Deutschland?

Um es ganz klar zu sagen: Ich bin Althistorikerin. Ich habe ein Faible für die Klassische Archäologie und kenne die bedeutenden Ausgrabungen rund ums Mittelmeer. Ich bin begeistert vom Thema. Aber ich bin auch Realistin. Und als Realistin muss ich sagen, dass immer mehr Mittelmeerländer ihre eigenen Archäologen ausbilden und diese sehr gute Arbeit in ihrer Heimat leisten.

Dann sollten wir auch nicht vergessen, dass man derzeit – schon ohne die Humboldt-Universität zu rechnen – an immer noch mehr als 20 in ganz Deutschland verstreuten Universitäten Klassische Archäologie studieren kann. Die Ausbildung künftiger Generationen von Klassischen Archäologen ist also sicher (noch) nicht bedroht.

Ich weiß, ich mache mir mit meinen Überlegungen keine Freunde. Aber ich stelle mir schon gelegentlich die Frage, wo all die klassischen Archäologen aus Deutschland nach ihrer Studienzeit arbeiten sollen. Das DAI kann nur einem winzigen Bruchteil von ihnen eine gesicherte Existenz garantieren. Dann gibt es noch die Museen und, ach ja, die Universitäten, die ihrerseits ständig neue Absolventen produzieren, die nach dem Abschluss untergebracht werden müssen. Ein teurer Teufelskreis, bei dem man sich schon fragen sollte, warum wir Menschen für viel Geld ausbilden, wenn die meisten keine Chance haben, mit ihrer Ausbildung ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie erklärt man einem potentiellen Medizinstudenten, der am Numerus Clausus scheitert, obwohl Deutschland unter einem drastischen Ärztemangel leidet, dass es für die Klassische Archäologie keinen Numerus Clausus gibt.

Heute fehlt die breite Basis der Sammler

Natürlich kann man argumentieren, dass sich die Humboldt-Universität ein Institut für Geschlechterstudien leistet, das mit Lehrenden und Studierenden reich bestückt ist. Warum die und nicht wir? Nun, Geld ist immer für die Themen da, die eine Gesellschaft für wichtig erachtet. Als Wilhelm II. regierte, war das eben die klassische Archäologie. Als ich zu studieren begann, lag man im Trend, wenn man zu Frauen oder Hexen forschte. Dann flossen die Fördergelder, wenn ein Antrag prominent das Wort „Gender“ erwähnte. Heute boomt die „Provenienzforschung“, und was morgen auf der Agenda steht, weiß keiner.

Was ich aber weiß, ist, dass sich die Archäologie in den letzten Jahrzehnten durch ihre klare Ablehnung von Handel und Sammlern ihre breite finanzkräftige und hilfsbereite Basis entfremdet hat. Das ist schade, denn gerade Sammler sind die Basis, die sich begeistert für die Notwendigkeit der klassischen Disziplinen einsetzen würde. Aber dafür müssten endlich all die Vorurteile und festgefahrene Meinungen überwunden werden. Und zwar von beiden Seiten.

Vereint für die Altertumswissenschaften einstehen!

Ich kann es nur immer und immer wieder wiederholen: Ob Archäologie oder Numismatik, wenn diese Wissenschaften in der Öffentlichkeit einen breiten Raum einnehmen wollen, dann kommen sie nicht darum herum, mit Sammlern und Händlern zu kooperieren. Nur so können sie sich die breite Basis und Zustimmung sichern, die es braucht, um die Fächer in eine sichere Zukunft zu führen – gerade in Zeiten von fehlenden staatlichen Mitteln.

Und wer die Kooperation wagt, wird vielleicht überrascht feststellen, dass die Ansichten in Sachen Kulturgutschutz heute gar nicht mehr so weit auseinanderliegen wie sie es in den 1980er Jahren getan haben.

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