Die Französischen Reparationen, der Reichskriegsschatz und der Juliusturm
5 Milliarden Franc zahlte die französische Regierung nach dem Ende des Kriegs von 1870/1 an Deutschland. Was geschah mit diesem Geld? Und welche Auswirkungen hatte es auf Deutschlands wirtschaftliche und militärische Macht? Ein Besuch in der Feste Spandau.
von Ursula Kampmann
Inhalt

Der Juliusturm in der Feste Spandau. Foto: KW
Spandau ist vom Berliner Hauptbahnhof aus in einer knappen Viertelstunde zu erreichen, und doch ist es eine andere Welt. Hier dominierte Jahrhunderte lang das Militär das Stadtbild. Denn in Spandau stand die große Zitadelle. Ihren Kern bildete der Juliusturm. Um 1200 als Burgfried erbaut, spielte das rund 30 Meter hohe Gebäude auch im 19. Jahrhundert noch eine entscheidende Rolle, denn hier wurde der deutsche Reichskriegsschatz aufbewahrt, nach modernen Berechnungen rund 48.000 Kilogramm Gold. Und nicht nur das. Hier lagerten auch die Reichsfonds zur Invalidenversorgung, für den Festungsbau und zur Errichtung des Reichstagsgebäude. Allerdings waren diese Summen nicht in Gold, sondern in Wertpapieren angelegt. Aber von Anfang an. Gehen wir zurück zum 10. Mai des Jahres 1871, als in Frankfurt der Präliminarfrieden von Versailles in ein juristisch unanfechtbares Dokument gegossen wurde.
Reparationen
5 Milliarden Francs oder – in Feingold ausgedrückt – 1.450 Tonnen Feingold sollte der französische Staat an Reparationen an das gerade eben gegründete Deutsche Reich zahlen. Das entsprach bei dem vertraglich fixierten Wechselkurs von einem preußischen Taler zu 3,75 Goldfrancs und inklusive der 3 Millionen Francs Zinsen für die Stundung auf 3 Jahre insgesamt 1,413.651.189 preußischen Talern – eine geradezu unvorstellbar hohe Summe, die die deutschen Kriegskosten weit übertraf. Die bezifferte die 6. Auflage von Meyers großem Konversations-Lexikon des Jahres 1907 auf 1,024 Milliarden Mark. Da drei Mark auf einen preußischen Taler gerechnet wurden, entsprachen die Kriegskosten 341.333.333 preußischen Talern, also etwa einem Viertel der Reparationen.
Übrigens, die 5 Milliarden stellten dabei schon einen Kompromiss dar: Ursprünglich hatten die deutschen Diplomaten 6 Milliarden verlangt, sich aber herunterhandeln lassen. Als Pfand besetzten deutsche Truppen vier Departements und die Stadtmauern von Paris bis zur vollständigen Zahlung der Schulden.
Zur großen Überraschung aller brachte Frankreich die Summe innert kürzester Zeit auf. Das Land war nämlich immer noch kreditwürdig. Die am 20. Juni 1871 ausgeschriebene erste öffentliche Anleihe in Höhe von 2 Milliarden Francs zu 5% war innert sieben Tagen um das zweieinhalbfache überzeichnet, eine zweite Anleihe über 3 Milliarden Pfund zu 5% gar um das 14,5fache (!). Mit anderen Worten: Frankreich brachte die Reparationszahlungen – rund 25% des damaligen Bruttoinlandsprodukts – mit Hilfe des freien Geldmarkts auf. Es war das erste Mal, dass die internationale Wirtschaftswelt einen so hohen Staatskredit finanzierte. Die Pünktlichkeit, mit der Frankreich seine Schulden bediente, verschafften der Nation trotz des verlorenen Krieges eine immense wirtschaftliche Glaubwürdigkeit.

Preußen. Wilhelm I., 1861-1888. 10 Mark 1872 A. Erstabschlag. Zuschlag: 440 Euro. Emporium Hamburg 109 (2025), Nr. 1900
Eine neue Währung für Deutschland
Unter schwerer militärischer Bewachung erreichten die 1.450 Tonnen Gold Berlin via Bahn. Die Transaktion wurde im Auftrag beider Regierungen zwischen dem Pariser Bankhaus Rothschild und dem Berliner Bankhaus Bleichröder abgewickelt. Bis zu 10 Tonnen konnte um 1871 ein durchschnittlicher Eisenbahnwaggon transportieren. Rechnen wir also – nur um uns das bildlich vorzustellen und ohne jeden Anspruch auf Genauigkeit – mit sieben Lokomotiven, die die 145 mit Gold gefüllten Waggons zogen.
Das Gold kam gerade recht, um aus ihm die neuen Reichsmünzen zu prägen. Denn am 4. Dezember 1871 verabschiedete der Reichstag das „Gesetz, betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen“. Damit entschied sich die deutsche Regierung für eine Goldwährung. Das Gold hatte sich in den letzten Jahrzehnten vor allem wegen der reichen Silberfunde in Nevada als wesentlich wertbeständiger erwiesen als das Silber. So legte §1 des neuen Gesetzes fest, dass 139 1/2 Stück der neuen Reichsmünze aus einem Pfund Feingold geprägt, ihr zehnter Teil – so §2 – Mark genannt und in 100 Pfennige eingeteilt werden sollte. Mit anderen Worten: Das Gesetz schuf zuerst das 10 Mark-Stück, ehe es sich mit dem 20 Mark-Stück beschäftigte.

Preußen. Wilhelm I., 1861-1888. 20 Mark 1872 A. Erstabschlag. Zuschlag: 600 Euro. Emporium Hamburg 107 (2024), Nr. 3036
Erst §3 fixierte, dass von den Reichsgoldmünzen zu 20 Mark 69 3/4 Stück auf ein Pfund Feingold gehen sollten. Gleich im ersten Jahr entstanden allein in der Berliner Münzstätte 7.717.323 Exemplare des 20 Mark Stücks und 3.922.722 Exemplare des 10 Mark Stücks. Mit anderen Worten, wer sich eine Münze kaufen will, wie sie einst im Juliusturm lagerte, kann das für verhältnismäßig wenig Geld tun.
Was machte Deutschland mit den französischen Reparationen?
Der größte Teil der französischen Reparationen wurde nicht im Juliusturm gelagert, sondern ausgegeben. Damit löste der immense Zufluss an Edelmetall in Deutschland und Österreich das aus, was wir heute als den Gründerboom kennen, jene wirtschaftliche Blase, die sich auf dem Aktienmarkt bildete, weil kurzfristig alles für möglich gehalten wurde. Wofür die Mittel flossen, dafür gibt es Statistiken.
Sehen wir uns nur einige der bemerkenswertesten Ausgabeposten an. Ein Teil der mehr als 5 Milliarden Goldfrancs floss zum Beispiel in den Ausbau der Kriegsmarine (31,949.890 Taler), den Festungsbau (in Deutschland 72,000.000 Taler, in Elsass-Lothringen 43,280.950 Taler) und in den Reichsinvalidenfonds (187,000.000 Taler).
Acht Millionen wurden für das Reichstagsgebäude verwendet, zwei Millionen erhielten die aus Frankreich ausgewiesenen Deutschen als Entschädigung. Besonders umstritten waren die vier Millionen Taler, die als Dotation an die deutschen Generäle gehen sollten. Die Presse wies darauf hin, wie unzeitgemäß es sei, solche Summen an eine militärische Elite zu verschwenden. Und genau diese Elite verhielt sich äußerst unklug. So verteidigte Kriegsminister Albrecht von Roon die Geschenke mit der Behauptung, der gemeine Soldat habe schon allein dadurch an Ehre gewonnen, dass er seine Gliedmaßen für das Vaterland habe opfern dürfen, was einen Aufschrei der Empörung in der deutschen Presse auslöste. Trotz dieser Taktlosigkeit setzte es der Kaiser durch, dass „seine“ militärischen Führer die 4 Millionen Taler erhielten.
Große Summen gingen auch an die Teilstaaten. Bayern wurden 90.200.411 Taler zugesprochen, Württemberg 28.500.870 Taler und der Norddeutscher Bund, Baden sowie Südhessen bekamen gemeinsam 668.179.719 Taler.
Die 40.000.000 Taler, nach neuer Währung 120 Millionen Goldmark, die im Juliusturm eingelagert waren, entsprachen also nur einem relativ kleinen Teil der Reparationen.

Die heute noch zu sehende, drei Tonnen schwere Tresortür wurde erst nach einem Einbruchsversuch im Jahr 1910 eingebaut. Foto: KW
120 Millionen Goldmark im Juliusturm
Die 120 Millionen Goldmark, die im Juliusturm lagerten, waren ausdrücklich für zukünftige Mobilmachungen vorgesehen. Davon wurde zum Beispiel das Eingreifen des Reichs in den Boxeraufstand finanziert. Interessanterweise gab es während des 1. Weltkriegs keinen Befehl, auf den Schatz zurückzugreifen, so dass das Gold nach Kriegsende als Teil der Reparationen zurück an Frankreich floss.
Einmal im Jahr kontrollierte ein Bevollmächtigter des Reichstags den Schatz auf seine Vollständigkeit. Dank der Gartenlaube von 1910 ist uns das Procedere überliefert. Der Spandauer Heimatforscher Karl-Heinz Bannasch stieß auf diese Perle, die von der TAZ im Rahmen eines Interviews zum Reichskriegsschatz veröffentlicht wurde.
Der Deputierte Dr. Hermann Pachnicke beschreibt die allgemein herrschende Vorstellung vom Reichsschatz so: „Von Gold waren die Decken, die Wände und der Boden der Halle. Von Gold waren die Tische und sonstigen Geräte, die den Raum erfüllten, und überall lagen glänzende Goldmünzen aufgeschichtet!“
Tatsächlich war das Ambiente wesentlich nüchterner. Nachdem die Tür mit sechs Schlüsseln, die verschiedene Beamte herbeibrachten, geöffnet worden war, sah Pachnicke erst einmal Marienkäfer: „Die erste eiserne Thür geht auf. Ein Stilleben aus dem Tierreich bietet sich dem überraschten Auge. Ganze Schwärme von Marienwürmchen nisten dort in einer Spalte und fahren, plötzlich durch das grelle Tageslicht aufgestöbert, wirr auseinander, um sich einen neuen, schützenden Winkel zu suchen. Jetzt dreht sich die zweite Thür in ihren Angeln. Sie besteht nicht aus Eisenplatten, sondern aus Eisenstäben, welche, während sich das Geschäft der Revision vollzieht, dem Lichte und der Luft Zutritt lassen. Endlich knarrt die dritte Thür und wir sind im Inneren des Turmes. Da stehen sie, die schmucklosen Holzkisten mit ihrem goldenen Inhalt, neben- und übereinander aufgestapelt. 15 Stapel mit je 30 Kisten unten und 22 Stapel zu je 30, sechs Stapel zu je 15 im oberen Geschoß, zu welchem eine hölzerne Wendeltreppe hinauf führt. Die Kisten mögen je1 Fuß in der Länge und einen halben in der Breite messen. Ihr Gewicht beträgt je etwa 87 Pfund. Jede dieser Kisten enthält 100 000 Mark, teils in Zehn-, teils in Zwanzig-Markstücken, welche sich auf zehn Leinenbeutel gleichmäßig verteilen. 1200 Behälter, mit je 100.000 Mark – das ergibt die Summe von 120 Millionen, welche durch das Gesetz vom 11. November 1871 aus der französischen Kriegsentschädigung für die Zwecke einer künftigen Mobilmachung zurückgelegt worden sind.“
Die Kisten werden gezählt, danach die Siegel geprüft. Dann bezeichnet der Deputierte einige Kisten, bei denen eine genaue Prüfung erfolgen soll: „Ein Unterbeamter und ein Arbeiter holen die so bezeichneten [Kisten] herbei und setzen sie auf eine Dezimalwaage. Das Istgewicht stimmt mit dem auf einem Zettel an der Außenseite vermerkten Sollgewicht noch immer überein. … Nun geht man daran, eine der gewogenen Kisten zu öffnen. Die Eisenbleche, welche sie umschließen, werden mit einem Stemmeisen gelöst. Die nicht eben dünnen und kurzen Nägel mittels einer Zange entfernt. Der Deckel öffnet sich, die schweren Leinenbeutel sind in unserer Hand. Wir stellen sie auf eine zweite Waage …. Auch hier ergibt sich keine Differenz. Gleichwohl begnügt man sich noch nicht mit dieser Probe, sondern löst das Siegel von einem wiederum beliebig ausgewählten Beutel und schüttet den Inhalt auf die Waagschale. Da liegen sie nun, die gleißenden Metallscheiben mit ihrem verführerischen Reiz und lachen die Umstehenden an, als wollten sie sagen: Greift nur zu! Die Umstehenden lachen auch und berechnen scherzend, wie weit wohl die 10 000 reichen würden.“
Nach der Kontrolle werden die Kisten wieder vernagelt, neu versiegelt und genau dorthin gestellt, wo sie vorher standen. Nachdem die drei Eisentüren wieder geschlossen wurden, folgt zum Abschluss die Kontrolle, ob sich irgendjemand versucht, in den Juliusturm hineinzugraben.
Ein neues Verständnis vom Geld
Interessant sind die Überlegungen, die Politiker Pachnicke seiner Schilderung folgen lässt. Sie zeugen von einem neuen Verständnis von Geld und staatlicher Wirtschaft. Weg vom Sachvermögen hin zur Investition: „Ob es zweckmäßig ist, 120 Millionen ungenützt liegen zu lassen, und 4,5 Millionen jährlich an Zinsen zu verlieren? Die Gegenwart, mit ihrem voll entwickelten Kreditwesen wird anders darüber denken, als die Vergangenheit gedacht hat. Deutschland ist jedenfalls der einzige Großstaat, welcher eine derartige Schatzsumme besitzt. Bei einer umfangreichen Mobilmachung wird sie in einigen Tagen erschöpft sein, denn die Kosten, die im Jahr 1870 allein für Preußen täglich 6 Millionen Mark betrugen, sind seitdem mit der Vermehrung der Präsenzstärke des Heeres und der Kriegsschiffe ganz erheblich gewachsen. Wie viel hätten wir heute, wenn während der 30 Jahre von diesen 120 Millionen Zins auf Zins gekommen wäre?“
Gute Frage, die sich der Politiker 25 Jahre später sicher anders gestellt hätte. Denn nach der Hyperinflation des Jahres 1923 erhielt Gold wieder eine ganz andere Rolle in den Staatsfinanzen.

Ein Blick in die Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“. Foto: KW
Ein Besuch der Zitadelle Spandau
Wenn sie also mal die Hauptstadt Berlin besuchen, verpassen Sie auf keinen Fall einen Besuch in der Zitadelle von Spandau. Es lohnt sich, und zwar nicht nur um den Platz zu sehen, wo einst der Reichskriegsschatz ruhte. Neben historischen Ausstellungen rund um die Festung und Potsdamer Lokalgeschichte lockt die Zitadelle auch mit der Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“. Darin sind alle Statuen vereint, die einst im Rahmen der von Wilhelm II. konzipierten Siegesallee mitten in Berlin das Geschlecht der Hohenzollern verherrlichten. Ein wunderbarer Blick auf eine heute überholte Vorstellung von Geschichte.
Ach, und Naturfreunde werden den Fledermauskeller lieben! Denn die Gewölbe der Zitadelle bieten jeden Winter rund 10.000 Fledermäusen Quartier, um ungestört durch die kalte Jahreszeit zu kommen.















