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Wettbewerb der Springbrunnen in Braunschweig

Kann man einen Machtkonflikt durch das Bauen des besten Springbrunnens austragen? So geschehen in Braunschweig. Eine Medaille von 1691 erinnert daran, dass die Herrscher von Braunschweig-Wolfenbüttel und Braunschweig-Lüneburg um die Vormacht stritten. Sie zeigt die Wasserkunst, mit der der Springbrunnen von Herrenhausen betrieben wurde.

von Ursula Kampmann

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Manche Menschen haben einfach Glück. Na ja, so nannte man es wenigstens im Barock, wenn die älteren Brüder vor einem starben und man selbst den Thron erbte. So kam Ernst August 1679 in Braunschweig-Lüneburg an die Macht, und das obwohl er nur der vierte von fünf Söhnen und eigentlich als Fürstbischof von Osnabrück vorgesehen war.

Man hätte meinen können, dass sich der inzwischen 49-jährige „Glückspilz“ mit dem Herzogstitel zufrieden gegeben hätte. Aber Ernst August war wesentlich ehrgeiziger. Er strebte nach dem Kurfürsten-Titel, um so die konkurrierende Linie in Braunschweig-Wolfenbüttel auszustechen. Eine Medaille von 1691, die am 28. Januar 2026 in der Berlin-Auktion von Künker versteigert wird, erinnert an die Schachzüge, mit denen Ernst August den Machtkampf gewann: Er entfaltete fürstliche Macht in großem Rahmen: Dazu gehörte seit dem Bau von Versailles ein prächtiger Barockgarten mit aufwändigen Wasserspielen. Dazu gehörten aber auch kostspielige Geschenke an die führenden Beamten und Meinungsmacher im Reich. Diese Medaille kombiniert beides. Sie zeigt die Gärten von Herrenhausen bei Hannover mit einer Wasserkunst und war mit ihrem Gewicht von über 116 g als diplomatisches Geschenk gedacht.

Ernst August von Braunschweig-Hannover. Silbermedaille 1691 von L. Zernemann auf die Wasserspiele der Herrenhauser Gärten. Sehr selten. Taxe: 4.000 Euro. Aus Sammlung Dr. Friedrich-Karl Günther. Aus Auktion Künker 437 (28. Januar 2026), 153

Ernst August von Braunschweig-Hannover. Silbermedaille 1691 von L. Zernemann auf die Wasserspiele der Herrenhauser Gärten. Sehr selten. Taxe: 4.000 Euro. Aus Sammlung Dr. Friedrich-Karl Günther. Aus Auktion Künker 437 (28. Januar 2026), 153

Was ist auf der Braunschweiger Medaille von 1691 zu sehen?

Die eine Seite zeigt den geflügelten Pegasos, der mit seinem Huf Wasser aus dem Helikon schlägt. Der Helikon ist ein Gebirge in Böotien, und dort sollen, wenn wir den antiken Dichtern glauben, die Musen bei der Quelle Hippokrene (= Rossquelle) gewohnt haben. Deshalb galt ihr Wasser künstlerisch inspirierend. Die Umschrift nennt die Titel von Ernst August von Braunschweig. Über dem Pegasos findet man zusätzlich ein lateinisches Motto: Zum Nutzen und Schmuck des Vaterlands. Dies waren gerne verwendete Begriffe, mit denen Cicero in De Officiis die wichtigsten Ziele politischen Handels beschrieb.

Die andere Seite zeigt die Herrenhäuser Gärten, im Hintergrund das Schloss. Prominent im Vordergrund ist eine Wasserkunst abgebildet: Ein mit Eimern versehenes Schöpfrad, das Wasser aus einem Becken nach oben befördert, um mit Hilfe des beim Fallen entstehenden Wasserdrucks die Fontänen der Springbrunnen anzutreiben. Was diese Wasserkunst leistet, wird durch einen lateinischen Zweizeiler beschrieben: Es schöpft, damit es verteile // Mit verbessertem Schicksal gebe ich zurück.

Dieses Motto ist genial und innovativ. Es vergleicht die Leistung des Wasserrads mit der eines Fürsten. Während das Wasserrad „nur“ schöpft, um zu verteilen, macht – so das Fürstenlob – ein guter Herrscher mehr aus den Ressourcen, die ihm sein Land liefert. Wahrscheinlich stammt die Idee zu diesem Thema von einem der größten Universalgelehrten seiner Zeit: Wir wissen, dass Gottfried Wilhelm Leibniz seinen Gönner Ernst August immer wieder in Fragen der Selbstdarstellung beriet. So lieferte er ihm in der zweiten Hälfte des Jahres 1690 schriftliche Vorschläge zu Medaillen.

Die Barockgärten von Herrenhausen können heute noch besichtigt werden. Foto: KW

Die Barockgärten von Herrenhausen können heute noch besichtigt werden. Foto: KW

Der Wettkampf der Springbrunnen

War dieses Schöpfrad nur ein gut gewähltes Münzmotiv? Sicher nicht. Mit seiner Darstellung sollten auch die Herrenhäuser Gärten thematisiert werden. Denn die Bautätigkeit eines barocken Herrschers illustrierte, wie groß die Mittel waren, über die sein Land verfügte. Herrenhausen war ein Prestigeobjekt und unterstrich mit seiner Prachtentfaltung, dass das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg für die angestrebte Standeserhöhung überfällig war!

Wir wissen heute, wie schwierig der Bau eindrucksvoller Wasserspiele in Herrenhausen war. Die Ebene bot keine Möglichkeit, Wasser aus großen Höhen fallen zu lassen, um den benötigten Wasserdruck für die Fontänen zu erzeugen. Der vom fürstlichen Fontänenmeister – ja, das Amt gab es am Hof von Ernst August – errichtete Wasserbehälter war nicht groß genug für die fürstlichen Ambitionen.

Und dann baute auch noch der Erzkonkurrent Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel vor seinem Lustschloss Salzdahlum eine eigene Schlossanlage. Ihr einziger Zweck war es, Schloss, Garten und Wasserspiele von Herrenhausen zu übertreffen. Gerade Salzdahlum zeigt, warum Prachtbauten ein Indikator der Bedeutung eines Landes waren: Die Mittel von Anton Ulrich reichten nicht, seine gigantischen Pläne zu realisieren. So errichtete er statt eines steinernen, einen hölzernen Palast, der heute mitsamt der Gärten verschwunden ist.

Kampf um die Macht mit allen Mitteln: Die Prinzenverschwörung

Springbrunnen waren natürlich nur ein Mittel, die Konkurrenz auszutragen. Die beiden Herzöge bekämpften sich auch auf dem politischen Parkett mit Intrigen. So war Anton Ulrich instrumental für die Prinzenverschwörung von 1691, also in dem Jahr, in dem diese Medaille bei vielen hohen Adligen für die Ambitionen von Ernst August warb.

Zum Hintergrund: Dieser hatte, um die Macht seines Herzogtums auch nach seinem Tod zu erhalten, die Primogenitur eingeführt. Hatten bei den Welfen bisher alle Söhne Anrecht auf ein bisschen Herrschaft, ging diese nun ungeteilt an den Ältesten. Bei der Einführung waren die Söhne von Ernst August zu klein, um zu protestieren. Nun rebellierte der zweitälteste Sohn (17 Jahre) mit seinen Brüdern (14 und 12 Jahre) und der Unterstützung von Anton Ulrich. Vater Ernst August reagierte mit voller Härte. Er stellte seine Söhne wegen Hochverrats vor Gericht. Sie wurden nur milde bestraft. Sie wurden nicht hingerichtet, sondern durften auf Fürsprache eines Verwandten ins kaiserliche Heer eintreten.

1792 zeigte sich, dass Ernst August seinen Konkurrenten Anton Ulrich aus dem Feld geschlagen hatte. Die Linie Braunschweig-Lüneburg oder Braunschweig-Hannover wie man sie inzwischen nannte, erhielt die Kurfürstenwürde, und Ernst Augusts ältester Sohn erbte nicht nur das ungeteilte Kurfürstentum, sondern auch die Krone von Großbritannien.

Was ist die Braunschweiger Medaille von 1691 wert?

Mit 4.000 Euro ist die große Silbermedaille von 1691 im Gewicht von über 116 g geschätzt. Was sie bringen wird, ist schwer zu sagen, denn in diesem Gewicht und gleichzeitig in dieser Erhaltung ist sie seit vielen Jahren nicht vorgekommen. 2016 brachte ein perfektes Exemplar im Gewicht von 88 g bereits 9.000 Euro. Was die schwere Variante in dieser prachtvollen Erhaltung bringt? Das wissen wir erst, wenn am 28. Januar 2026 der Hammer fällt.

Den vollständigen Katalog von Auktion 437 finden Sie auf der Seite von Künker.

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