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Zwischen Geopolitik und digitalem Zwilling: Ein Rückblick auf das ZukunftsForum Edelmetalle 2026

Frankfurt als Epizentrum der Sachwerte: Über 300 Branchenexperten versammelten sich zum zweiten ZukunftsForum Edelmetalle, um Strategien gegen den „perfekten Sturm“ aus Geopolitik, Inflation und extremer Marktvolatilität zu entwickeln. Sebastian Wieschowski berichtet.

von Sebastian Wieschowski

Inhalt

Über 300 Teilnehmer, darunter Privatanleger und Vertreter von Family Offices, nahmen am zweiten ZukunftsForum Edelmetalle teil. Foto: Wieschowski

Über 300 Teilnehmer, darunter Privatanleger und Vertreter von Family Offices, nahmen am zweiten ZukunftsForum Edelmetalle teil. Foto: Wieschowski

Das Edelmetall-Investment, einst eine ziemlich unspektakuläre und überschaubare Beimischung im Portfolio für viele Anleger, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Krimi entwickelt – mit extremen Preisbewegungen nach oben, aber auch nach unten.

Zuerst Crash, dann Boom: Extreme Bewegungen während der Konferenz

Diese Erfahrung machten auch die Teilnehmer des zweiten ZukunftsForums Edelmetalle, das am 23. und 24. März im Kap Europa in Frankfurt stattfand: Nachdem Gold und Silber am ersten Konferenztag mit Verlusten von bis zu 8 Prozent in den Handel starteten, ging am späteren Vormittag ein Raunen durch die Zuschauerreihen, weil die Aktienmärkte und auch die Edelmetalle plötzlich in die Höhe schossen. Der Grund: Eine mögliche Entspannung im Nahost-Konflikt. Diese Entwicklung, die Moderatorin Jessica Schwarzer dem Plenum kurz darauf bekannt gab, konnte in den darauffolgenden Vorträgen noch an Ort und Stelle eingeschätzt und kommentiert werden.

Das ZukunftsForum Edelmetalle in Frankfurt hat im Jahr 2025 erstmals auf Initiative des langjährigen Edelmetallhändlers Wolfgang Wrzesniok-Roßbach stattgefunden. Der frühere Leiter der Degussa Goldhandel ist regelmäßig als Kommentator rund um die Edelmetallmärkte in der Finanzpresse tätig und möchte mit der Konferenz eine Plattform zum Austausch innerhalb der Edelmetallbranche schaffen – und die Akzeptanz für Sachwertinvestments in Deutschland weiter steigern. Die zweite Auflage der Konferenz fand mit einer deutlichen Steigerung der Besucherzahl auf über 300 Teilnehmer statt, die im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit der MünzenWoche ein Exemplar der aktuellen Sonderausgabe erhielten.

Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB. Foto: Wieschowski

Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB. Foto: Wieschowski

Inflationäres Umfeld durch sechs Ds

Die diesjährige Konferenz stand im Zeichen eines „perfekten Sturms“ aus geopolitischen Spannungen, insbesondere dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran sowie der unberechenbaren US-Zollpolitik, die Gold zunehmend als politische Waffe und strategischen Anker positionieren. BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels verdeutlichte in seinem Hauptvortrag, dass die Weltwirtschaft heute von den „6Ds“ – Demografie, Deglobalisierung, Digitalisierung, Dekarbonisierung, Verteidigung (Defense) und Verschuldung (Debt) – getrieben werde, was ein langfristig inflationäres Umfeld schaffe. In dieser Sandwich-Position zwischen den USA und China müsse Europa wie eine „Frikadelle“ zusammenwachsen, um dem äußeren Druck standzuhalten. Zudem prognostizierte er mittelfristig einen Vertrauensverlust in den US-Dollar, sollte die US-Notenbank Fed unter politischen Druck geraten und ihre Unabhängigkeit bei der Zinsgestaltung verlieren.

Carsten Stroborn, Leiter des Zentralbereichs Märkte bei der Deutschen Bundesbank, betont die essenzielle Rolle von Gold als stabilen Anker der deutschen Währungsreserven. In einem von geopolitischen Spannungen und Inflationsrisiken geprägten Umfeld dienen diese Reserven primär der Absicherung gegen wirtschaftliche Schocks sowie der Stärkung des Vertrauens in die Währungsstabilität. Die Bundesbank hält dabei konsequent an ihren Beständen von insgesamt 3.350 Tonnen fest, da Gold als wertstabiles Gut ohne Adressausfallrisiko fungiert und in Krisenzeiten einen „sicheren Hafen“ darstellt. Stroborn betonte das hohe Vertrauen in die Zuverlässigkeit der internationalen Partner. Begehrlichkeiten, den Goldschatz zur Schuldentilgung oder für Investitionen zu nutzen, erteilte er unter Verweis auf die langfristige stabilitätspolitische Bedeutung und die historische Tradition der Bundesbank eine klare Absage.

Veranstalter Wolfgang Wrzesniok-Roßbach. Foto: Wieschowski

Veranstalter Wolfgang Wrzesniok-Roßbach. Foto: Wieschowski

Wertelogistik: Die Branche macht ihr „eigenes Ding“

Was beschäftigt aktuell den Edelmetallhandel (und auch den Münzhandel, wenn er im nennenswerten Maß mit Gold und Silber handelt) im DACH-Raum besonders? In der Podiumsdiskussion berichteten Marktvertreter von extremen Volatilitäten und einem drastischen Wandel im Kundenverhalten. Die Händler erleben einen ständigen Wechsel zwischen absoluter Flaute und massiven Anstürmen. Während der Kursbewegungen im Winter 2025/2026 verdreifachten sich teilweise die Kundenzahlen, wobei das Kaufinteresse trotz Rekordpreisen die Verkaufsbereitschaft deutlich überwog.

Ein signifikanter Trend ist der Rückzug klassischer Banken aus dem physischen Goldgeschäft. Da das interne Know-how für Münzen und Barren in vielen Instituten schwindet, bevorzugen Banken heute Full-Service-Lösungen durch spezialisierte Partner, statt Risiken und Logistik selbst zu steuern. Dies führt zu einer zunehmenden Professionalisierung im Handel: Nur hochgradig spezialisierte Händler können die steigenden Anforderungen an IT-Sicherheit, Compliance und Lagerkapazitäten bewältigen, während kleinere „Hobbyisten“ zunehmend vom Markt verschwinden.

Das größte operative Nadelöhr bleibt die Wertlogistik, insbesondere die Zustellung an Privatkunden. Steigende Kosten für Transport und Versicherung sowie sinkende Zuverlässigkeit bei Paketdienstleistern zwingen den Handel zum Umdenken und zum Ausbau eigener Filialnetze.

Auf einer Partnerbühne wurden zusätzliche Themen vertieft, hier beispielsweise zum Thema „Münzfälschungen“ mit dem Sachverständigen Walter Hell-Höflinger aus Wien. Foto: Wieschowski

Auf einer Partnerbühne wurden zusätzliche Themen vertieft, hier beispielsweise zum Thema „Münzfälschungen“ mit dem Sachverständigen Walter Hell-Höflinger aus Wien. Foto: Wieschowski

Europaweite Bargeldgrenze: Vorbereitungen laufen bereits

Ein wichtiger Termin für die Branche ist der Juni 2027, wenn voraussichtlich neue europäische Regelungen zu Anonymitätsgrenzen bei Tafelgeschäften greifen, was schon heute zu strategischen Vorbereitungen und Lageraufstockungen führt.

In den Zukunftspanels kristallisierte sich die Tokenisierung als wichtige Zukunftstechnologie für die Liquidität des Marktes heraus. Durch die Schaffung eines „digitalen Zwillings“ eines physischen Barrens auf der Blockchain kann Eigentum in Sekunden weltweit übertragen werden, während das Metall sicher im Tresor bleibt und nicht mit aufwändiger und teurer Wertelogistik von A nach B verschoben werden muss.

Parallel dazu gewinnt das Urban Mining massiv an Bedeutung, da Recycling die „ökologische DNA“ der Branche bildet und den CO2-Fußabdruck im Vergleich zur Primärgewinnung um bis zu 99 % reduziert. Besonders ausgediente Photovoltaik-Module entwickeln sich zur „größten Silbermine der Welt“, wobei sich das Recyclingvolumen in den nächsten zehn Jahren verzwanzigfachen wird. Als weiterer stabiler Sachwert wurde das Wald-Investment präsentiert: Der Wald fungiert als „geräuschlose Fabrik“ mit einem natürlichen Zuwachs von etwa 5 % pro Jahr und bietet wie Gold einen zeitlosen Inflationsschutz über Generationen hinweg.

Das ZukunftsForum wird im zweiten Quartal 2027 mit neuen Impulsen in die nächste Runde gehen.

Mehr zum ZukunftsForum Edelmetalle erfahren Sie hier.

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