Numismatik in Zeiten von Instagram: Kopf & Kragen – eine numismatische Ausstellung des KHM
Das Münzkabinett des KHM in Wien geht mit seiner Ausstellung Kopf & Kragen einen neuen Weg. Es denkt an eine junge Generation von Museumsbesuchern mit völlig anderen Sehgewohnheiten. Kopf & Kragen richtet sich an sie, ohne das traditionelle Publikum aus den Augen zu verlieren.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Kürzlich erzählte mir eine sehr junge Verwandte von ihrem Urlaub in Südengland. Im Mittelpunkt standen nicht Sehenswürdigkeiten oder Erlebnisse, sondern fotogene Orte. Die hatte sie schon lange vorher via Instagram ermittelt. Im Koffer lag die Kleidung, die sie an diesen Orten anzuziehen plante, um ihre Bildidee optimal zu verwirklichen. Zuerst war ich entsetzt. Dann musste ich schmunzeln. Unterschied sich ihr Verhalten wirklich so sehr von dem der Höflinge an den Residenzen der frühen Neuzeit? Teil eines Gesamtkunstwerks zu sein und als Teil dieses Gesamtkunstwerks wahrgenommen zu werden, war das nicht Ziel der höfischen Mode, die wir heute auf Münzen und Medaillen bewundern? Die aktuelle Ausstellung des Münzkabinetts im Wiener Kunsthistorischen Museum hat genau diesen neuen Blick im Fokus, wenn sich ihre Ausstellung „Kopf & Kragen“ mit numismatischer Selbstdarstellung beschäftigt.
Der Blick aufs Detail
Okay, soll ich wirklich einer numismatischen Leserschaft etwas über die Bedeutung der modischen Inszenierung auf Münzen und Medaillen erzählen? Nein, sicher nicht. Das wäre Zeitverschwendung. Wir alle wissen, wie genau man hinsehen muss, um die winzigen Botschaften, die sich in der Kleidung, den Frisuren und Bärten, ja in der ganzen Art der Darstellung verstecken, wahrzunehmen. Welche Kopfbedeckung trägt der Fürst? Helm, Lorbeerkranz, Hut, Haube, Diadem oder Krone? Jede einzelne davon sagt etwas darüber aus, wie er wahrgenommen werden möchte. Was macht er mit seinen Haaren? Schmückt er sich mit einer hohen (und unpraktischen) Allonge-Perücke? Oder sind Haar und Bart kurz geschoren? Im militärisch kurzen oder im bürgerlich kurzen Stil? Aufwändiger Pelzkragen, Uniform oder Brustpanzer? Oder hat er sich gar für die spanische, italienische oder doch die französische Hoftracht entschieden? Trägt Madame eine Haube? Offenes Haar? Oder eine aufwändige Hochsteckfrisur? Und was wollen uns all die Dargestellten damit sagen?
Was normalerweise in der Numismatik kaum Erwähnung findet und im durchschnittlichen Auktionskatalog zu einem knappen „Büste n. r.“ oder „Büste n. l.“ mutiert, wird hier zelebriert, gedeutet, verglichen – und zwar auch mit der Malerei – und interpretiert.
Dabei holen die Texte alle ab. Sie sind witzig, gehaltvoll, leicht verständlich und ohne alle wissenschaftlichen Allüren. Jeder Besucher kann sie mit Gewinn lesen – ganz gleich ob erfahrener Münzsammler oder zufällig hereingeschneite Touristin aus Japan.
Und das Publikum lohnt es den Ausstellungsmachern. Klaus Vondrovec, seit 2021 Direktor des Münzkabinetts im KHM, lächelt verschmitzt, wenn man ihn nach dem Erfolg von „Kopf & Kragen“ fragt. Man habe hier mehr Besucher, als in so manch anderen Sonderausstellung des KHM, freut er sich, und das, obwohl es ziemlich schwer ist, sich in die abgelegenen Räume zufällig zu verirren.
Numismatische Didaktik 3.0
Interessieren Sie sich für Szenographie? Dann ist die Ausstellung ein Muss, denn sie bietet eine frische Optik in Kombination mit wirklich großartigem Material (ja, ja, das KHM gehört nun mal zu den ältesten und bedeutendsten Münzkabinetten weltweit). Sie verwirklicht die Königsdisziplin des Ausstellens: Kleine Objekte groß in Szene zu setzen.
Beobachten Sie die Besucher! Erst werfen sie einen flüchtigen Blick auf eine Vitrine, sind irritiert von einer Aussage, einem Bild, beginnen zu lesen und schon wandeln sie langsam von Vitrine zu Vitrine, von Münze zu Münze, von Text zu Text und gucken sich all die winzigen Objekte an, die es sonst so schwer haben, gegen großformatige Bilder zu bestehen. Auch junge Menschen reagieren so. Die Generation Instagram ist fasziniert von der Detailverliebtheit, mit der sich unsere Vorfahren nicht fürs Selfie, sondern im Münzbild in Szene setzten.
Der Ausstellungskatalog im Stil der Vogue
Eine innovative Ausstellung verlangt nach einem innovativen Ausstellungskatalog. Und der ist einfach unglaublich! Schon weil er aussieht, als hätten seine Autoren völlig vergessen, wie ein Ausstellungskatalog auszusehen hat. Das Design erinnert an eine Modeillustrierte in Hochglanzoptik, die Münzen und Texte mal ganz anders in Szene setzt.
Bitte, denken Sie nicht, dass die Qualität der Texte dadurch gelitten hätte! Im Gegenteil. Ich habe selten so viele, so gut recherchierte Informationen aus so unterschiedlichen Bereichen gesehen, wie in diesem Heft. Nur 14,95 Euro kosten die 150 Seiten. Jeder einzelne Cent bestens angelegt.
Ich empfehle ihn allen Sammlern, aber auch allen Kuratoren, die darin hoffentlich Inspiration zur Nachahmung finden werden. Denn so macht ein Katalog Lust aufs Lesen und verführt selbst diejenigen zur Lektüre, die bis dahin dachten, dass Münzporträts langweilig seien.
Eine gehaltvolle Website
Wer nicht nach Wien reisen kann, dem sei wenigstens die Website der Ausstellung ans Herz gelegt. Es gibt sie auch in englischer Sprache, jedenfalls teilweise. Sie enthält nicht nur ein paar einführende Texte und Bilder, sondern auch Videos und Artikel, dazu eine Gesamtschau aller Schmuckstücke, die in Zusammenarbeit mit dem Abendkolleg Schmuck Design der Wiener KunstModeDesign Herbststrasse entstanden sind.
Übrigens, auch den Ausstellungskatalog kann man im Internet bestellen und sich für überschaubare Kosten schicken lassen, weil sich dieser Auktionskatalog problemlos in ein Din A4 Kuvert verpacken lässt.
Wie sexy kann eine Münzsammlung sein?
Nicht nur ich war von der Ausstellung begeistert. Der österreichische Kurier titelte: Wie sexy kann eine Münzsammlung sein. Wann haben Sie das letzte Mal die Worte „sexy“ und „Münzsammlung“ in einem Satz gelesen? Ein toller Erfolg des Teams um Klaus Vondrovec!
Man muss es zugeben: Dem KHM ist etwas gelungen, womit viele von uns immer noch ihre Schwierigkeiten haben. Ohne sich durch eine pseudo-jugendliche Sprache anzubiedern, haben sie die Bedürfnisse einer neuen Generation ernst genommen und ihre Art der Darbietung darauf abgestellt.
Man kann zusammenfassend sagen: Kompliment an die Ausstellungsmacher. Ihr habt aller Welt gezeigt, dass die Numismatik gerade in Zeiten von Instagram eine Zukunft hat.











