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Lucien Birkler, †2025

Lucien Birkler gehörte einst zu den bekanntesten Münzhändlern der USA. Am 22. Dezember 2025 verstarb er leise und unbeachtet in einem Pflegeheim. Wir verlieren in ihm einen Mann, der die Münzen, die Sammler und den Münzhandel liebte, dem Geld aber nie Beachtung schenkte.

von Ursula Kampmann

Inhalt

Lucien Birkler

Lucien Birkler

Lucien Birkler lebte genau das Gegenteil des amerikanischen Traums. Ihm war das Sein immer wichtiger als das Haben, wobei der Genuss eine zentrale Rolle spielte. Eine erfolgreiche Münzbörse bemaß er nicht nach seinem Gewinn, sondern danach, wie oft er in angenehmer Gesellschaft hervorragend gegessen hatte.

Lucien Birkler war ein kluger Netzwerker, der oft und immer völlig uneigennützig die wichtige Verbindung zwischen Menschen herstellte. Er gehörte in den 1980er und 1990er Jahren zu den bekanntesten Erscheinungen der amerikanischen Münzszene. Danach zog er sich langsam zurück. Eine schwere chronische Erkrankung beraubte ihn seiner Beweglichkeit. Aber selbst halb erblindet, mit zwei amputierten Füßen war er nicht bereit, auf seinen gewohnten Stand bei der NYINC zu verzichten. Erst als er bettlägerig wurde, musste er notgedrungen auf dieses Vergnügen verzichten. Nun ist Lucien Birkler nach langem Leiden am 22. Dezember verstorben.

Eine verpasste Karriere als Jazz-Musiker und Restaurant-Besitzer

Dass Lucien Birkler Münzhändler wurde, ist mehr oder weniger einem Zufall zu verdanken. Denn eigentlich schwebte ihm ein ganz anderes Leben vor. Er erzählte nur zu gerne davon, welche Erfolge er in seiner Jugend als Jazz Musiker feierte, ehe ihn eine Operation an der Wange seines Ansatzes fürs Kornettspiel beraubte. Dichtung oder Wahrheit? Lucien Birkler unterschied in seinen immer spannenden Anekdoten nicht allzu genau zwischen beidem. Er war ein großartiger Unterhalter, der jeden Abend zu etwas Besonderem machen konnte.

Überprüfbare Tatsache ist, dass Lucien Birkler 1971 zusammen mit dem späteren Chef-Koch des Mayflower Hotels das Restaurant seiner Träume in Washington eröffnete. Es hieß Chalet de la Paix und sein Name war Programm. Lucien wollte die Tradition der Schweizer Hotellerie in die Neue Welt verpflanzen. Schließlich kamen seine Vorfahren aus dem Tessin. Zwischen den Welten wandelnd wirkte er auf Europäer sehr amerikanisch und auf Amerikaner sehr europäisch. Seine Idee war es, beide Seiten zusammenzubringen und ein Luxusrestaurant mit exquisiter Küche und außergewöhnlichem Service zu führen. Doch bald geriet die wirtschaftliche Seite außer Kontrolle. Er verkaufte seine Anteile an einen jungen französischen Koch und konzentrierte sich auf eine andere Leidenschaft, den Münzhandel.

Birkler & Waddell

Seit seiner Kindheit interessierte er sich nämlich für Münzen und ihre Geschichte, und zwar nicht für US-Münzen, sondern für die antiken Prägungen. Die kamen damals in den Vereinigten Staaten in Mode. 1971 entstand die New York International Numismatic Convention (NYINC) als erste amerikanische Münzbörse, auf der ausschließlich nicht-us-amerikanische und antike Prägungen gehandelt werden durften. Lucien Birkler erzählte immer wieder stolz davon, dass auch er bei der Gründung mit dabei gewesen sei. Er hielt noch Jahrzehnte später Anteile und ließ sich die Teilnahme an der jährlichen Vorstandssitzung nicht nehmen.

In den späten 1970er Jahren schloss sich Lucien Birker mit dem jungen Numismatiker Edward Waddell zusammen, um Auktionen mit hochwertigen Münzen der Antike und des nicht-amerikanischen Auslands durchzuführen. Unter dem Label Birkler & Waddell fanden zwischen 1979 und 1982 vier Auktionen statt. Warum die Partnerschaft endete? Lucien Birkler erzählte einmal darüber, dass er und Ed unterschiedliche Geschäftsziele gehabt hätten: Ed Waddell habe Geld verdienen wollen; er selbst einfach nur Spaß haben. Es spricht für die beiden Geschäftspartner, dass sie auch nach dem Ende ihres gemeinsamen Unternehmens befreundet blieben.

Der große Netzwerker

Seitdem trieb Lucien Birkler sein numismatisches Geschäft am liebsten auf Münzbörsen, wo er möglichst viele Menschen traf und mit Ihnen reden konnte. Jeder kannte Lucien. Jeder ließ sich gerne von ihm zum Essen einladen. Lucien war großzügig, gab gerne und forderte selten.

Organisation und Pünktlichkeit waren allerdings nicht seine Sache. Ich erinnere mich an eine New York International – damals noch im World Trade Center. Er hatte vergessen, wem er versprochen hatte, den Tisch mit ihm zu teilen. So ballten sich fünf Münzhandlungen mit acht Personen hinter zwei Metern Ausstellungsfläche. Wobei man nicht vergessen sollte, dass sein langjähriger Partner Christian Blom über ein Körpervolumen verfügte, mit dem er den zur Verfügung stehenden Raum alleine füllte.

Lucien versuchte immer wieder, ins große Geschäft einzusteigen, ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen. Etwa als er in den 1990er Jahren im Bostoner Swissotel eine Kopie der NYINC initiierte. Doch auch dieses Projekt scheiterte nach nur wenigen Veranstaltungen.

Lucien Birkler und Dmitry Markov während der NYINC. Foto: UK.

Lucien Birkler und Dmitry Markov während der NYINC. Foto: UK.

M&M Numismatics

Als den stolzesten Moment seiner Münzhändlerlaufbahn betrachtete es Lucien Birkler, als ihn sein langjähriger Freund Hans Voegtli zum Geschäftsführer des amerikanischen Zweigs der Basler Münzen & Medaillen AG machte. Lucien mietete ein beeindruckendes Büro in Washington und reservierte einen Auktionsslot bei der NYINC. Im World Trade Center fand 1997 die Auction I von M&M Numismatics statt. Bereits ein Jahr später benannte man die Auktion in The New York Sale um und arbeitete mit Partnern zusammen. Zunächst mit Baldwin’s und Italo Vecchi, dann mit vielen anderen. Heute betreibt Dmitry Markov den New York Sale.

Das bittere Ende

Lucien lebte sein ganzes Leben lang aus dem Vollen: ohne Rücksicht auf seine Geldbörse oder seine Gesundheit zu nehmen. Obwohl er unter schwerer Diabetes litt, aß er mit Begeisterung – vor allem Süßes. Dafür zahlte er einen hohen Preis. Sein Sehvermögen ließ nach, bis er kurz vor seinem Tod erblindete. Beide Füße mussten bis zum Knie amputiert werden. Und trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, jedes Jahr bei der New York International mit seiner Gehhilfe langsam zu seinem Tisch zu gehen, um danach stundenlang dort zu sitzen und mit seinen vielen numismatischen Bekannten zu sprechen.

Erst als es gar nicht mehr anderes ging und er auf Pflege angewiesen war, kam er nicht mehr zur NYINC. Mehr als zwei Jahre lang lag er in einem Pflegeheim. Nur wenige, aber treue Freunde hielten den Kontakt. Nun ist er am 22. Dezember 2025 verstorben.

Lucien Birkler hat die numismatische Welt nicht verändert. Er war nicht mehr und nicht weniger als ein besonders liebenswerter Teil von ihr. Deshalb soll auch sein Andenken nicht vergessen sein.

Requiescat in Pace.

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