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Kind seiner Zeit: Zum Tod von Anton „Toni“ Tkalec (1948-2026)

Anfang Februar starb Anton Tkalec in Wien. Zu seiner Zeit war er skandalumwittert, obwohl man ihm nie nachweisen konnte, welche Rolle er tatsächlich in der Seuso-Affäre spielte. Seine Freunde kannten ihn als herzlichen und großzügigen Menschen. Wer war Anton Tkalec?

von Ursula Kampmann

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Anton

Anton „Toni“ Tkalec auf einer Fotographie aus dem Jahr 1990. Foto: Italo Vecchi

Sagen wir es gleich: Menschen wie Toni Tkalec haben dafür gesorgt, dass die Debatte um den Kulturgutschutz derart emotional geführt wurde. Denn Menschen wie er haben zu ihrer Zeit die noch weitgehend fehlenden gesetzlichen Regulierungen des internationalen Handels mit Münzen und antiken Kunstgegenständen zu ihren Gunsten genutzt. Sie haben sich an den Buchstaben des Gesetzes gehalten, aber nach einer heute überholten Moral gelebt. Für sie hatte ein Staat nicht nur das Recht auf seine Kulturschätze, sondern auch die Pflicht, sie zu schützen. Dass die Mittelmeerländer der 1980er und 1990er Jahre das nicht taten, sahen sie nicht als ihr Problem. Im Gegenteil: Sie freuten sich über jede Münze, die ihr Ursprungsland verließ. Unter Sammlern war sie außer Gefahr, eingeschmolzen zu werden, und stand der freien Forschung zur Verfügung.

Ob diese Weltanschauung verwerflich oder verständlich ist, muss heute jeder für sich selbst entscheiden.

Eine Herkunft mit vielen Fragezeichen

Viel wissen wir nicht über die Herkunft und Jugend von Toni Tkalec. Er wurde am 29. Februar des Jahres 1948 in Belgrad geboren. Seine Eltern? Nun, er selbst erzählte, seine Mutter sei eine begnadete Opernsängerin gewesen, sein Vater ein Ingenieur. Oder finanzierte die Mutter ihm, Toni, ein Ingenieursstudium? Je nachdem erzählte er über seine Herkunft unterschiedliche Versionen, betonte aber, dass er sich schon in den späten 1950er Jahren (also mit gerade einmal 10 Jahren!?) auf antike Münzen spezialisiert habe. Was davon stimmt, ist wahrscheinlich nicht einmal wichtig. Toni hätte Spaß an der Verwirrung. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler, der sein eigenes Leben gern mystifizierte.

Als kleiner Münzhändler in Wien

Realer wird es in den späten 1970er Jahren. 1977 ist Toni Tkalec in Wien gemeldet. Das heißt aber nicht, dass er nicht bereits vorher dort lebte. Seit diesem Jahr zwang die österreichische Regierung lediglich alle Ausländer, sich zu registrieren – so auch Toni.

Er dürfte damals – also mit 19 Jahren – als kleiner Westentaschenhändler gearbeitet haben. So nannte der Münzhandel diejenigen, die davon lebten, Münzen in der einen Münzhandlung zu kaufen, um sie in einer anderen teurer zu verkaufen. Außerdem war Toni ein begnadeter und gesuchter Münzrestaurator. Grading gab es noch nicht, und die Sammler mochten sorgfältig gereinigte Bronzemünzen.

Toni erzählte später gerne, wie er in seinen jungen Jahren auch nach Zürich reiste. Und jedes Mal empörte er sich darüber, wie arrogant ihn die etablierten Münzhändler dort abwimmelten. Er sollte sich Zeit seines Lebens für diese Behandlung rächen, indem er, der „kleine Serbe“, nicht nach ihren Regeln spielte.

Wie war das nun mit dem Schatz des Seuso?

Irgendwann zwischen 1977 und 1985 schaffte Toni Tkalec den Sprung in die erste Liga des Münzhandels. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Affäre um den Schatz von Seuso dabei eine entscheidende Rolle spielte. Heute gehen Journalisten und Aktivisten davon aus, dass es Toni Tkalec war, der das beeindruckende Silberservice vom ursprünglichen Schmuggler kaufte. Das Problem: Er selbst trat nie erkennbar als Verkäufer auf. Ein libanesischer Antikenhändler namens Halim Korban, Inhaber eines Ladengeschäfts im edlen Wiener Hilton Hotel, brachte die ersten Stücke nach London. Dort waren sie in der Mansour Galerie nahe dem Oxford Circus zu sehen. Viele dürften damals überlegt haben, welch gutes Geschäft sich mit diesen Silberplatten machen ließe!

Vergessen Sie nicht: Wir befinden uns im Jahr 1980 auf dem Gipfel der Inflation. Die jährliche Inflationsrate erreicht in Großbritannien fast 18%. Wer Bargeld hat, grübelt, wie er es in Sicherheit bringen kann. Pfiffige Spekulanten wittern große Gewinne und nehmen Schulden auf. Sie kaufen von geliehenem Geld Kunstgegenstände, um sie später mit großem Gewinn wieder zu verkaufen. Einer von ihnen ist der britische Peer, Politiker und Freimaurer Spencer Douglas David Compton, 7. Marquess of Northampton (geschätztes Vermögen im Jahr 2011 laut Wikipedia 120 Mio. Pfund).

Peter Wilson, damals eine Institution des britischen Kunstmarktes, soll ihm den Ankauf der ersten drei Platten aus dem Schatz des Seuso für umgerechnet 798.000 Pfund (= 4,8 Mio. DM / 4,4 Mio. CHF / 1,7 Mio. USD) schmackhaft gemacht haben. Zur Einordnung dieser Summe: In München hätte man zu Beginn der 1980er Jahre dafür mindestens 12 Reihenhäuser von ca. 120 Quadratmetern Wohnfläche in guter Lage kaufen können. Im September bzw. Dezember 1981 wechselten weitere Platten für 180.000 resp. 525.000 Pfund den Besitzer. 1987 fand die letzte Transaktion von vier Silberplatten für insgesamt 8,7 Mio. USD statt.

Was dann mit dem Schatz des Seuso geschah, ist eine andere Geschichte. Nicht weniger als drei Nationen, der Libanon, Kroatien und Ungarn, konkurrierten um seine Rückgabe. Viele Journalisten und Aktivisten versuchten, das Geschehen zu rekonstruieren, ohne dabei zu identischen Ergebnissen zu kommen. Einige von ihnen unterstellten Toni Tkalec nicht nur Schmuggel, sondern gleich vierfachen Mord. Angeklagt wurde er nie. Die Zürcher Polizei vernahm ihn lediglich als Zeugen.

1500 Jahre Münzprägekunst

Ob es der Erlös aus dem Schatz des Seuso war oder ob Toni Tkalec einen anderen Geldgeber gefunden hat, mag jeder für sich selbst entscheiden. Tatsache ist, dass er sich seit 1984 als der Spezialist für die schönsten und wertvollsten antiken Münzen in Zürich etablierte. Was es in eine Tkalec-Auktion schaffte, galt als erste Sahne, als das Schönste, was ein Sammler erwerben kann. Erst zusammen mit der österreichischen Münzhandlung Rauch, ab 1991 im Alleingang führte die Anton Tkalec AG Auktionen der Sonderklasse durch, und das nicht nur was die Qualität der Ware betraf.

Toni Tkalec hatte eine unendliche Freude daran, mit seinem Reichtum andere Menschen zu beeindrucken. Er unterhielt am noblen Limmatquai ein riesiges Büro, das den größten Teil des Jahres leer stand. Nur wenn die Auktionsvorbereitungen begannen, füllte es sich mit Leben. Dann empfing Toni seine Gäste, setzte ihnen Champagner und Schinkenbrote vor, unterhielt sie mit Geschichten aus seinem Leben, während er eine Zigarette an der anderen anzündete.

Toni konnte unendlich großzügig sein, und zwar nicht nur während seiner legendären Auktionsbanketts im edlen Zunfthaus zum Kämbel. Vor allem gegenüber kleineren Münzhändlern mit schmalem Budget erwies er sich als Förderer. Ihnen schanzte er Käufe zu, an denen sie geradezu Geld verdienen mussten. Die etablierten Händler dagegen liebte er zu brüskieren. Es machte ihm Spaß, sie betrunken zu sehen. Und es konnte durchaus vorkommen, dass er sich im schäbigen Jogginganzug – damals noch ein absolutes No Go – in der noblen Lobby des Baur en Ville niederließ, um an seinem Tisch Münzhändler und Sammler zu bewirten, die im Auktionssaal fehlten.

Toni war kein netter Mensch. Er hatte Freude daran, Männern, die er nicht mochte, mit seiner physischen Präsenz Angst einzuflößen. Doch wer seine Sympathie gewann, den behandelte er fürsorglich und zuvorkommend. Er hatte gerne Gäste in seiner Villa im griechischen Neos Marmaras und bewirtete sie, bis sich die Tische bogen.

Das Ende einer Ära

Ob es das Inkrafttreten des Schweizer Kulturgüterschutzgesetzes war, das Toni Tkalec die Lust nahm, weitere Auktionen in der Schweiz durchzuführen? Oder war es seine hässliche Scheidung, die ihn eines Großteils seines Vermögens beraubte? Viel Geld hatte Toni auch verloren, weil er versuchte, einen Konkurrenzplattform zu Sixbid aufzubauen, wozu ihm aber letztendlich das technische Fachwissen fehlte. Er verschwendete eine gigantische Summe an indische Programmierer, die nicht wirklich verstanden, was er da von ihnen wollte.

Irgendwann war Toni aus Zürich verschwunden. Wenn man ihn traf, erzählte er, er lebe mit einer neuen Freundin in Neos Marmaras. Doch dann sah man ihn überhaupt nicht mehr.

Nur wenige, enge Freunde wussten, dass er sich wieder nach Wien zurückgezogen hatte. Eine Journalistin spürte ihn dort auf. Schon wieder eine, die die Wahrheit über den Schatz des Seuso herausfinden wollte. Sie soll noch in der Woche seines Todes versucht haben, ihn dazu zu bewegen, ihr die Türe zu öffnen. Er hat es nicht getan. Was immer ihn mit dem Schatz des Seuso verband, wir werden es nie wissen. Er hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Übrigens: Sie können sich selbst den Schatz des Seuso ansehen

2014 brüstete sich der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán, sieben Teile des Schatzfundes nach Budapest zurückgebracht zu haben. Sie wurden bis Ende August 2017 im Budapester Parlament ausgestellt. Heute widmet sich ein Forschungsprojekt der Auswertung. Der Schatzfund selbst kann im ungarischen Nationalmuseum besichtigt werden.

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