Die Soho Mint baut die erste moderne Münzstätte Russlands
Am 17. Oktober 2026 versteigert Gadoury einen Essai, der an eines der abenteuerlichsten Kapitel der russischen Münzgeschichte erinnert: Am 10. Oktober 1796 erhielt Matthew Boulton den Auftrag, in der Peter und Paul Festung von St. Petersburg eine Münzstätte einzurichten. Es sollte 10 Jahre dauern, bis sie den regulären Betrieb aufnahm.
von Ursula Kampmann
Inhalt

Das Stück, das wir Ihnen heute vorstellen, ist keine Münze im herkömmlichen Sinne. Gadoury, wo dieses Objekt am 17. Oktober 2026 versteigert wird, spricht von einem Essai. Aber es ist mehr als das. Es handelt sich um ein Muster, um einen Prototypen, der russischen Münztechnikern demonstrieren sollte, welche Prägequalität mit den neuen Maschinen aus Birmingham realisiert werden konnte. Als dieser Essai entstand, baute man in der Peter und Paul-Festung die erste moderne Münzstätte Russlands. So führt uns das Stück mitten hinein in ein Abenteuer, das Stoff genug für einen vielhundertseitigen Roman böte. Es erzählt die Geschichte von einem Erfinder, vier Münztechnikern und einem geborenen Diplomaten, die gemeinsam das russische Münzwesen revolutionierten.

1504: Russland. Essai in Silber in der Größe eines halben Rubels ohne Datum (1804), Stempel produziert von der Soho Mint. Aus Sammlung Silberstein. PCGS SPECIMEN 64. FDC. Sehr selten. Das einzige von PCGS gegradete Stück. Taxe: 10.000 Euro
Was ist auf dem Essai der Soho Mint für die Münzstätte von St. Petersburg zu sehen?
Die Vorderseite des Essais zeigt die Büste von Alexander I. von Russland n. r. Das Haar trägt er lang in einem damals modischen Zopf. Gekleidet ist er in einen Panzer, darüber fällt ein Feldherrnmantel, der auf seiner linken Schulter mit einer Agraffe zusammengehalten wird. Die lateinische (nicht russische!) Aufschrift lautet ALEXANDER I D[eo] G[ratia] IMP[erator] AVTOCR[rator] RVSSOR[um], in Übersetzung: Alexander I. von Gottes Gnaden Kaiser und Beherrscher aller Russen.

Die russischen Doppeladler im Vergleich: Links der des Essais, rechts der des Staatswappens. – Bild r. cc-by-sa 1.0 von Vladimir Lobachev
Die Rückseite des Essais zeigt das zentrale Element des Staatswappens des russischen Kaiserreichs, das auch auf vielen russischen Rubeln zu sehen ist, allerdings spiegelverkehrt und mit leicht abweichenden Details. Das zentrale Motiv ist der dreifach gekrönte Doppeladler mit Reichsapfel und Szepter. Der Brustschild greift das Moskauer Wappen mit dem hl. Georg auf, der den Drachen tötet. Während der Orden Andreas des Erstberufenen im Staatswappen auf ein blaues Band reduziert ist, sehen wir ihn auf dem Essai – deutlich erkennbar an den Andreaskreuzen – um den Brustschild gelegt. Dies ist auf vielen west- und mitteleuropäischen Münzen des 19. Jahrhunderts die übliche Darstellungsweise.
Was fehlt, sind Münzzeichen und Prägejahr. Doch wir haben schriftliche Quellen, die uns verraten, dass dieser Essai 1804 in der Soho Mint entstand.
Wer oder was ist die Soho Mint?
Die Soho Mint wurde 1788 in Birmingham gegründet und ist ein Resultat der Zusammenarbeit des Unternehmers und Erfinders Matthew Boulton mit James Watt, dem Erfinder der Dampfmaschine. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts verkauften Boulton & Watt Hunderte von Dampfmaschinen. Boulton sicherte sich um 1790 das Patent auf dampfbetriebene Prägepressen. Damit entwickelte er das Kernstück der modernen Münzstätte. Die Soho Mint steht am Beginn der maschinellen Münzprägung.
Was hat die Soho Mint mit Russland zu tun?
Als Katharina, die sich so gerne die Große nennen ließ, überlegte, ihre völlig veraltete Münzstätte in St. Petersburg modernisieren lassen wollte, beauftragte sie ihren Generalkonsul in London an Boulton zu schreiben. Das Schreiben ist erhalten: Da die Kaiserin von Russland den dringenden Wunsch hegt, in ihrer kaiserlichen Münzstätte in St. Petersburg einige notwendige Verbesserungen vorzunehmen – namentlich durch die Verpflichtung erstklassiger Fachkräfte für das Gravieren von Prägestempeln für Gold-, Silber- und Kupfermünzen sowie durch die Anschaffung der gesamten für deren Prägung erforderlichen Ausrüstung und Maschinerie –, und da allgemein bekannt ist, dass niemand besser für die Ausführung eines solchen Auftrags geeignet ist als Sie, Herr Boulton, möchte ich Sie höflich bitten, mir mitzuteilen, ob Sie beabsichtigen, einen Vorschlag bezüglich dieses gesamten Vorhabens zu unterbreiten.
Boulton beabsichtigte, dies zu tun. Sein Kostenvoranschlag blieb erhalten. Er berechnete für acht Prägepressen, acht Stanzen, drei Rändelmaschinen, eine Dampfmaschine sowie weitere, kleinere Vorrichtungen, wie sie eine Münzstätte damals brauchte, immense 6.520 Pfund. Nur um diese Summe einzuordnen: Im gleichen Jahr verschlang der Bau eines der innovativsten Kriegsschiffe dieser Zeit, der HMS Triton, inklusive ihrer 32 Kanonen 20.722 Pfund Sterling. Dutzende von Spezialisten hatten die 43 Meter langen Fregatte mit ihrem 11 Meter hohen Hauptmast realisiert. Was waren dagegen einige Prägepressen, so gut konstruiert sie auch gewesen sein mögen? Die gesamte Belegschaft der Soho Mint bestand damals aus 164 Personen, von denen viele an anderen Projekten arbeiteten.
Trotz des hohen Preises erhielt Boulton den Auftrag, und zwar am 10. Oktober 1796. Doch seine Auftraggeberin starb bereits am 17. November 1796. Boulton erfuhr am 7. Februar 1797, dass der neue Zar die Bestellung widerrufen hatte.
Hindernisse über Hindernisse beim Bau der russischen Münzstätte
Paul I. beauftragte einen lokalen Ingenieur, eine moderne Münzstätte zu bauen. Es wurde ein Fiasko! Nach nicht einmal 5 Monaten erfuhr Boulton, dass er nun doch seine Münzstätte liefern solle – dazu ein Walzwerk und eine zusätzliche Dampfmaschine. Boulton konstruierte, seine Männer bauten, und die erste Lieferung verließ – trotz eines militanten Streiks, trotz des Zitterns um die fehlende Exportgenehmigung – am 9. Mai 1800 den Hafen von Hull. Eine zweite Lieferung folgte am 6. September 1800. Sie dürfte Russland kurz vor der Ermordung Pauls I. erreicht haben. Also erneutes Zittern und Zagen, ob der nächste Zar die Münzstätte abbestellen würde. Dann das Aufatmen: Zar Alexander I. bestätigte, dass er die bestellte Münzstätte zu erhalten wünschte.

Blick auf den Sommergarten von der Petersburger Seite. Kolorierter Kupferstich von 1799
Eine abenteuerliche Reise
Um die Maschinen aufzubauen und in Betrieb zu nehmen, schickte Boulton vier seiner besten Handwerker nach St. Petersburg. Die Bedingungen schienen lukrativ. James Duncan zum Beispiel, Chef der kleinen Truppe, erhielt 3 Guineas pro Woche. Dafür arbeitete er 6 Tage pro Woche 12 Stunden am Tag (inklusive der für das Essen vorgesehenen Pausen). Im Falle einer Erkrankung wurde der Lohn weiter bezahlt. Überstunden gingen extra.
Probleme ohne Ende
Schon die Überfahrt von Schottland nach Russland war ein Abenteuer. Es wurde zum Alptraum, weil sich die Handwerker untereinander nicht ausstehen konnten. Als sie in Petersburg ankamen, stellten sie zu ihrem Entsetzen fest, dass sie die Münzstätte nicht sofort montieren würden können. Das dafür vorgesehene Gebäude war viel zu klein, um all die modernen Maschinen samt Dampfantrieb zu beherbergen.

Die Isaakbrücke mit Blick auf die Peter und Paulfestung. Gemälde von Benjamin Patersen um 1790
Der Zar genehmigte den Neubau, und den Handwerkern blieb nichts anderes übrig, als bis zur Fertigstellung des Baus Däumchen zu drehen und sich zu zanken. Dazu kamen praktische Probleme: Der Lohn der Handwerker, den die russische Krone vor Ort auszahlte, war in britischer Währung vereinbart worden, und die russischen Beamten gedachten, an der Wechselrate tüchtig mitzuverdienen. Die Quartiere waren unmöbliert, so dass Betten und Schränke gekauft werden mussten. Überhaupt waren die Lebenshaltungskosten in St. Petersburg viel höher als erwartet! Und dann versuchten da auch noch russische und französische Spione, die Konstruktionspläne der Dampfprägepressen des Herrn Boulton zu kopieren. Ständig mussten die Maschinen bewacht werden. Kurz, es war der Horror!
5 Jahre in Russland
Um das Projekt zu retten, sandte Boulton seinen Neffen, Zacchaeus Walker, nach Russland. Der war kein Ingenieur, sondern ein begnadeter Diplomat, der die Fäden zusammenhielt und das Projekt geduldig vorantrieb. Denn Boulton war dabei, zwei weitere Münzstätten zu verkaufen, eine nach Kopenhagen und eine nach London. Deshalb brauchte er seine Handwerker. Sie sollten nicht in Russland festhängen, sondern neue Projekte realisieren. In diesen Zusammenhang gehört unser Essai.

1504: Russland. Essai in Silber in der Größe eines halben Rubels ohne Datum (1804), Stempel produziert von der Soho Mint. Aus Sammlung Silberstein. PCGS SPECIMEN 64. FDC. Sehr selten. Das einzige von PCGS gegradete Stück. Taxe: 10.000 Euro
Ein Paket mit Stempeln und Essais
Boulton überlegte in Birmingham, wie er russischen Handwerkern und Ingenieuren möglichst pragmatisch das Wissen vermitteln könnte, das sie benötigten, um seine Maschinen zu bedienen. Dazu ließ er in der Heimat Stempel herstellen, an denen sich alle Phasen der Stempelherstellung ablesen ließen. Sie wurden ergänzt durch Abschläge – zu denen unser Essai gehört – mit denen Boulton demonstrierte, welche Prägequalität mit den neuen Maschinen zu erzielen sei. Das Paket mit den „Lehrmitteln“ ging im Herbst 1804 auf die Reise.
Die letzten Jahre
Leider war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal das Gebäude fertiggestellt, geschweige denn die Maschinen aufgebaut. Erst zu Beginn des Jahres 1806 näherte sich das Projekt seinem Ende. Mitte 1806 justierte man die neuen Maschinen, ohne großes Publikum, vielleicht mit Hilfe der 1804 von Boulton gelieferten Stempel. Bei der feierlichen Inbetriebnahme am 20. Juni 1807, produzierte man Rubel aus Stempeln, die – wie uns Walkers Aufzeichnungen mitteilen – der russische Graveur Carl Leberecht geschnitten hatte.
Zunächst waren nur zwei Prägepressen in Betrieb, auf denen 67 bis 70 Stück Rubel pro Stunde entstanden. Am 9. August 1807 prägte man mit allen Pressen. Die Münzstätte war in vollem Betrieb. Nun sollte Walker in Boultons Auftrag endlich die volle Kaufsumme einkassieren. Bis dahin war die Soho Mint – mit Ausnahme der Löhne für die vier Handwerker – komplett in Vorleistung gegangen.
Die Bezahlung
Zacchaeus Walker sprach also beim Finanzminister vor. Der sicherte ihm zu, dem Zaren bei seiner nächsten Audienz die Zahlungsanweisung vorzulegen. Dann starb er – diesmal nicht der Zar, sondern der Finanzminister. Was Walker fühlte, hat er uns in einem eindringlichen Brief hinterlassen: Ich begann wieder zuversichtlicher zu werden, beseelt von dem Hoffnungsschimmer, die Angelegenheit würde schließlich zur Zufriedenheit aller Beteiligten ihren Abschluss finden … als sich am 15. dieser goldene Traum in Luft auflöste: Die Nachricht traf ein, dass der Minister in der vorangegangenen Nacht völlig unerwartet verstorben war. – Wenn ich die wichtigsten Ereignisse meines Lebens Revue passieren lasse…, komme ich kaum umhin, meinen Verstand … jener falschen und verhängnisvollen Lehre von einem bösen Genius oder einem unheilvollen Schicksal zu beugen, das über all jenen Handlungen schwebt, an denen bestimmte Menschen – direkt oder indirekt – beteiligt sind; und ich muss mich wohl jener unheilvollen Klasse zugehörig fühlen, von der man mit Fug und Recht sagen kann: „Siehe, was immer diese Männer auch unternehmen, es wird ihnen nicht gelingen.“ – Die Unterlagen des Grafen sind versiegelt, und ein neuer Minister ist noch nicht ernannt; alle für die Münzbehörde wesentlichen Vorgänge dürften daher bis zu einer Neubesetzung des Amtes ruhen.
So verzögerte sich die Zahlung also noch ein weiteres Mal. Sie erfolgte erst im Dezember 1807.
James Duncan bleibt in St. Petersburg
Das, was Sie hier gelesen haben, ist die Kurzfassung der Geschichte. Ich habe Ihnen nicht nur viele Rückschläge und Streitereien, sondern auch eine Liebesgeschichte unterschlagen. Denn der eingefleischte Junggeselle Walker kehrte mit seiner Frau nach Birmingham zurück. (Die gefährliche Rückreise, bedroht von Naturgewalten und dem napoleonischen Heer, wäre eines eigenen Artikels würdig!)
Dem hinzuzufügen bleibt nur noch, dass James Duncan sich entschied, mit seiner ganzen Familie als technischer Leiter der Münzstätte von St. Petersburg zu bleiben. Stolz sollte er 1814 an den Sohn seines einstigen Chefs schreiben, dass „seine“ Münzstätte inzwischen pro Jahr mehr als 10 Millionen Silberrubel herstelle, dazu silberne 5, 10 und 20 Kopeken-Stücke im Nennwert einer weiteren Million Rubel.
Was ist das Essai der Soho Mint für die neue russische Münzstätte wert?
Ehrlich? Keine Ahnung. Gadoury schätzt dieses Stück mit 10.000 Euro. Aber das dürfte eher ein symbolischer Startpreis zu sein. Schließlich ist dieser Essai wesentlich seltener als jeder Familienrubel.

1514: Russland. Familienrubel, 1836, St. Petersburg. Nur 50 Exemplare geprägt. Aus Sammlung Silberstein. PCGS MS63. FDC. Vorzüglich. Taxe: 100.000 Euro
Ein Exemplar der zweiten Emission, also von dem Stempel, in dem das unschöne Doppelkinn der Zarin auf persönlichen Befehl des Zaren getilgt wurde, bietet Gadoury mit einem Startpreis von 100.000 Euro an. Es wird mehr bringen. Denn jeder Sammler weltweit kennt den Familienrubel und seine Geschichte. Kaum jemand dagegen weiß um die Essais, mit denen Boulton die erste moderne Münzstätte Russlands versorgte. Dafür sind die Stücke viel zu selten!
Die MünzenWoche wird auf jeden Fall Update publizieren, sobald dieser Essai verkauft worden ist.
Literatur:
Richard Doty, The Soho Mint & the Industrialization of Money. Washington – Cambridge (1998)

























