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Die Imperial Collection

Am 23. Juni 2026 kommt der erste Teil der Münzsammlung der Hohenzollern zur Versteigerung. Das Osnabrücker Auktionshaus Künker wird Münzen und Medaillen aus dem Besitz der Könige von Preußen und des Kaisers von Deutschland versteigern. Wir stellen einige ganz besondere Objekte vor und erklären, was die gesammelten Münzen über die Persönlichkeit Kaiser Wilhelms I. aussagen.

von Ursula Kampmann

Inhalt

Münzsammeln ist das Hobby der Könige. Das ist ein Standardspruch, den ich immer wieder einsetze, wenn ich Menschen erzähle, wie es dazu kam, dass sich das Münzensammeln weltweit derart verbreitet hat. Die Herrscher begannen zu sammeln, als Humanisten ihren Gönnern Münzen römischer Kaiser überreichten, um sie zu belehren, wie sich ein wahrer Fürst verhalten solle.

Die logische Konsequenz war, dass die durch römische Münzen belehrten Fürsten sich ihrerseits überlegten, wie sie ihr eigenes Bild gestalteten, um von Zeitgenossen und Nachwelt so wahrgenommen zu werden, wie sie wahrgenommen werden wollten. Die Medaille entwickelte sich dabei zum Mittel der Wahl.

Nie hätte ich gedacht, dass ich tatsächlich einmal in einem Auktionskatalog die Sammlung von Königen und einem Kaiser zu sehen bekommen würde! Doch genau das passiert aktuell mit der Imperial Collection, die am 23. Juni 2026 bei Künker versteigert wird. Ich kann mir jetzt in einem Auktionskatalog ansehen, was zum Beispiel Kaiser Wilhelm I. sammelte, und ob sein Sammelgebiet mit den Medaillen zusammenhängt, auf denen er sein eigenes Bild Zeitgenossen und zukünftigen Generationen überlieferte.

Apropos, wenn Sie sich für deutsche Geschichte interessieren, kann ich Ihnen nur empfehlen, die Münzen nicht nur in Online-Portalen zu betrachten. Künker hat einen Auktionskatalog produziert, der wesentlich mehr Hintergrundwissen zu Sammlung und Stücken beinhaltet, als man das normalerweise von Auktionskatalogen gewohnt ist.

Kaiser Wilhelm I. in seinem Arbeitszimmer, Gemälde von Paul Bülow aus dem Jahr 1883. Ganz der bescheidene Soldat trägt er Uniformrock und Orden. Potsdam, Stiftung Hohenzollernscher Kunstbesitz

Kaiser Wilhelm I. in seinem Arbeitszimmer, Gemälde von Paul Bülow aus dem Jahr 1883. Ganz der bescheidene Soldat trägt er Uniformrock und Orden. Potsdam, Stiftung Hohenzollernscher Kunstbesitz

Einschneidende Erlebnisse

Wir werden also Medaillen aus der Sammlung Kaiser Wilhelms I. sehen. Wilhelm I.? Wer war dieser Wilhelm I.? Und wie ist er zu dem geworden, was er war?

Dafür müssen in die Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1806 zurückgehen, als der neunjährige Bub, holterdipolter, zusammen mit seinen Geschwistern in eine Kutsche geschubst wurde, um aus dem heimatlichen Berlin ins Ungewisse zu fahren. Seine Erzieher verhinderten so die Gefangennahme durch französische Truppen. Napoleon marschierte nur wenige Tage später in der preußischen Hauptstadt ein. Gehetzt von ihren Verfolgern, flohen die Kinder zusammen mit der schwer an Typhus erkrankten Mutter im eiskalten Spätherbst Richtung Osten.

Gut, Wilhelm I. war nicht der erste und nicht der letzte Flüchtling der Weltgeschichte. Seine Flucht war im Verhältnis zu vielen anderen Fluchten sogar noch relativ komfortabel. Nichtdestotrotz: der Neunjährige wurde über Nacht aus seinem Umfeld gerissen. Er hatte Angst; verlor nicht einmal vier Jahre später seine durch Krankheit geschwächte Mutter, was er immer den Franzosen zum Vorwurf machen sollte. Und Wilhelm saß an einer Position, die es ihm ermöglichte, Preußen davor zu schützen, jemals wieder von den Franzosen und der Revolution überrollt zu werden.

Die Tatsache, dass jeder preußische Prinz zum Militär musste, war für Wilhelm also nicht Zwang, sondern Leidenschaft. Das Militär machte Preußen wehrhaft und verteidigungsbereit. Wilhelm identifizierte sich mit „seinen“ Soldaten, die wie er das gemeinsame Vaterland schützten. Er teilte ihren Alltag, ihre Sorgen, ihre Hoffnungen. Gemeinsam würde man dafür sorgen, dass Deutschland nie mehr auf der Verliererseite stehen würde.

Friedrich Wilhelm I., genannt der Soldatenkönig. Silbermedaille von P. P. Werner, datiert 1733. Sehr selten. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Vorzüglich. Taxe: 7.500 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 32

Friedrich Wilhelm I., genannt der Soldatenkönig. Silbermedaille von P. P. Werner, datiert 1733. Sehr selten. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Vorzüglich. Taxe: 7.500 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 32

Münzsammeln zur Selbstvergewisserung

Was Wilhelm sammelte? Müssen Sie da wirklich fragen? Er sammelte Medaillen, die an die große militärische Vergangenheit Preußens anknüpften. Wie zum Beispiel die prachtvoll erhaltene Silbermedaille, die das Porträt des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. zeigt und auf das Jahr 1733 datiert ist. Er mag die auf der Rückseite zu einer ewigen Parade aufmarschierten Truppen bewundert haben. Mit dem Motto der Rückseite – Für Gott und Heer (in Übersetzung) – konnte sich Wilhelm sicher identifizieren.

Friedrich II., genannt der Große. Silbermedaille von J. G. Holtzhey, datiert auf den Sieg in der Schlacht bei Liegnitz am 15. August 1760. Sehr selten. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Vorzüglich. Taxe: 2.500 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 53

Friedrich II., genannt der Große. Silbermedaille von J. G. Holtzhey, datiert auf den Sieg in der Schlacht bei Liegnitz am 15. August 1760. Sehr selten. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Vorzüglich. Taxe: 2.500 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 53

Müssen Sie wirklich überlegen, von welchem Herrscher Wilhelm die meisten Medaillen im Schrank hatte? Natürlich von Friedrich II., unter dem Preußen in die Riege der Großmächte aufstieg. Friedrich II. entwickelte sich zur großen Identifikationsgestalt der Hohenzollern. Sein Schicksal gab Wilhelm die Gewissheit, dass es sich bei der Demütigung durch Napoleon nur um ein Zwischenspiel gehandelt hatte, um genauso einen vorläufigen Rückschlag, wie ihn auch Friedrich hinnehmen musste. Schließlich war Berlin im Oktober 1760 sogar unter dem größten aller preußischen Feldherrn besetzt worden.

Doch der Verlust der Hauptstadt bedeutete für Friedrich nicht den Verlust des Reichs. Er hielt Schlesien an der Spitze seines Heeres durch den Sieg bei Liegnitz am 15. August 1760, dem diese Medaille gewidmet ist. Das reiche Sachsen hielt er mit dem Sieg von Torgau, der ebenfalls gut durch Medaillen in der Sammlung Wilhelms I. dokumentiert ist. Friedrich II. hielt Stand, bis das Schicksal sich durch den Frontwechsel Peters III. von Russland wendete. Als Friedrich II. am 15. Februar 1763 den Frieden von Hubertusburg schloss – auch dieser Friede ist durch viele Stücke in Wilhelms Sammlung dokumentiert -, konnte er stolz darauf sein, dass ihn seine versammelten Feinde nicht in die Knie gezwungen hatten. Preußen hatte Schlesien gewonnen!

Dies war ein Vorbild, an das sich jeder preußische Soldat halten konnte.

Goldmedaille zu 50 Dukaten auf die Einweihung des Standbilds Friedrichs II. am 31. Mai 1851 von F. W. Kullrich. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Fast Stempelglanz. NGC MS63 PL. Taxe: 25.000 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 166

Goldmedaille zu 50 Dukaten auf die Einweihung des Standbilds Friedrichs II. am 31. Mai 1851 von F. W. Kullrich. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Fast Stempelglanz. NGC MS63 PL. Taxe: 25.000 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 166

Königliche Münzen auf ein Großereignis

Es sollte uns daher nicht verwundern, dass die Hohenzollern nach ihrem Sieg in den Befreiungskriegen ein Denkmal für Friedrich den Großen planten. Bereits Friedrich Wilhelm III. hatte 1836 den Auftrag für die Realisierung einer Monumentalstatue erteilt. 200.000 Taler sollte das die Staatskasse kosten. Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm legte am 31. Mai 1840 anlässlich des 100. Jahrestages der Thronbesteigung Friedrichs II. den Grundstein. Überschattet wurde das Ereignis durch die schwere Erkrankung des Königs, der die Zeremonie von seinem Arbeitszimmer aus beobachtete. Es sollte das letzte Mal sein, dass ihn seine Bürger sahen: Er starb nur eine Woche später.

Es folgte die Revolution von 1848, die Zurückweisung der von der Paulskirche angebotenen deutschen Krone durch Friedrich Wilhelm IV., das militärische Vorgehen gegen die Radikalen und der Sieg der konservativen Kräfte. Erst danach – 11, nicht 10 Jahre nach der Grundsteinlegung – organisierten der kinderlose König Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder Wilhelm, der neue Kronprinz, die Einweihungsfeier für das Monument zu Ehren Friedrichs des Großen.

Blick auf das Standbild Friedrichs II. vor der Humboldt-Universität. Foto: KW

Blick auf das Standbild Friedrichs II. vor der Humboldt-Universität. Foto: KW

Man kann das Standbild heute wieder auf der Prachtstraße „Unter den Linden“ gegenüber der Humboldt-Universität sehen.

Seine Einweihung war ein Fest für das Militär, bei dem die Zivilgesellschaft vorsichtshalber ausgesperrt blieb. Zu frisch war die Erinnerung an die Barrikadenkämpfe der 48er Revolution. Stattdessen hatte man 80 noch lebende Veteranen der Kriege Friedrichs II. ausfindig gemacht. Sie waren nun als Ehrengäste geladen. Der spätere Wilhelm I. hatte seinen großen Auftritt, als er an der Spitze von mehr als 30.000 Soldaten einzog. Er sprengte – wie eine zeitgenössische Quelle schrieb – „hoch und stattlich wie der Kriegsgott selbst“ heran.

Die Berliner Bürger, die bei der Einweihung nicht willkommen waren, kamen später und staunten. Das Denkmal löste einen Friedrich-Boom aus, der bis heute ungebrochen ist. Trotz aller Angriffskriege gilt uns Friedrich als der perfekte Philosoph auf dem Thron. Das geht zurück auf sein in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts festgeschriebenes Image. Die Theater spielten Stücke über Friedrich; die Buchhandlungen machten glänzende Geschäfte mit alten und neuen Werken von ihm und über ihn; Adolph Menzel malte seine ikonischen Bilder von seinem Hof; und selbst Militärmärsche verkauften sich doppelt so gut, wenn man glaubte, Friedrich II. habe sie komponiert.

Dass „der alte Fritz“ heute noch so populär ist und zu „dem“ preußischen König schlechthin geworden ist, geht auf diese Epoche zurück.

Der Thron des französischen Königs wird am 25. Februar 1848 auf der Place de la Bastille verbrannt. Zeitgenössisches Gemälde von Horace Vernet. Deutsches Historisches Museum

Der Thron des französischen Königs wird am 25. Februar 1848 auf der Place de la Bastille verbrannt. Zeitgenössisches Gemälde von Horace Vernet. Deutsches Historisches Museum

Wilhelms Selbstwahrnehmung – Der rettende Engel angesichts der Revolution

Wie aber, diese Frage ist noch offen, sah sich Wilhelm I. selbst? Wie wollte er seinen Zeitgenossen und kommenden Generationen im Gedächtnis bleiben? Dies illustrieren zwei Medaillen, die aus völlig unterschiedlichen Phasen von Wilhelms Leben stammen. Die erste entstand im Jahr 1849 und zeigt uns einen sehr ungewohnten Blick auf die Geschehnisse von 1848/9.

Wir haben uns gesellschaftlich geeinigt, die Märzrevolution als Initialzündung der deutschen Demokratie zu verstehen. Dumm, dass sie gescheitert ist. Schuld daran waren natürlich die reaktionären Kräfte, die sich verschworen, die wohlmeinenden Demokraten an der Einführung eines modernen Staatssystems zu hindern.

Viele Zeitgenossen hätten sich über unsere Interpretation gewundert. Die Demokratie galt damals noch als radikal. Nun, alle waren sich zumindest darüber einig, dass etwas geschehen musste, dass die schlimmsten sozialen Ungerechtigkeiten der Industrialisierung in irgendeiner Form abgefedert werden sollten. Aber wie? Darüber stritten die Radikalen, die Liberalen und die Konservativen – so die zeitgenössische Terminologie für Demokraten, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie und die Unterstützer des herrschenden Systems. Setzten die Demokraten auf den Umsturz der Verhältnisse, wollten die Liberalen den Staat modernisieren und die Konservativen ihn erhalten.

Als es nach der Pariser Februarrevolution von 1848 in ganz Europa zu Revolutionen kam, probten auch die Berliner den Aufstand. Radikale kämpften auf den Barrikaden und rissen mit ihrer Begeisterung viele Unentschlossenen mit. Kurzfristig bekamen sie die Oberhand. König Friedrich Wilhelm IV. sah sich gezwungen, auf die Forderungen der Aufständischen einzugehen, um das Blutbad zu verhindern, das ein Eingreifen des Militärs verursacht hätte. Doch bald hatten die liberalen und konservativen Bürger genug von den Ausschreitungen, bei denen nicht nur Menschen, sondern auch ihr Eigentum zu Schaden kam. Sie sammelten sich hinter den staatlichen Akteuren und suchten eine politische Lösung. Musste Wilhelm I. auf dem Höhepunkt der Märzrevolution bei Nacht und Nebel nach London fliehen, kehrte er bereits im Juni des gleichen(!) Jahres als Hoffnungsträger der Konservativen zurück.

Und damit sind wir bei Wilhelms Rolle hinsichtlich der Niederschlagung des Badischen Aufstands im Jahr 1849 angelangt. Um die Tatsachen mal jenseits unserer Schulbücher klarzustellen: Am 14. Mai 1849 floh Großherzog Leopold von Baden vor den Aufständischen über die Grenze ins benachbarte Koblenz. Von dort aus bat er, gemäß den Statuten des Deutschen Bundes, die anderen Staaten um militärische Unterstützung bei der Niederschlagung der Revolution. Zu diesem Zeitpunkt war die Paulskirche in Auflösung. Die großen deutschen Staaten hatten ihren Abgeordneten das Mandat entzogen. Die meisten liberalen und konservativen Abgeordneten verließen daraufhin die Versammlung, während die radikalen Kräfte mit dem so genannten Rumpfparlament am 31. Mai 1849 nach Stuttgart übersiedelten.

In dieser Situation entschied der deutsche Bund, ein gemeinsames Heer zur Unterstützung Leopolds von Baden zu entsenden. Die Preußen stellten den größten Teil der Truppen. Wilhelm I. wurde von seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV. zum Kommandierenden der preußischen Operationsarmee in Baden und in der Pfalz ernannt. Am 20. Juni 1849 überquerten die preußischen Soldaten den Rhein. Am 21. Juni siegten sie bei Waghäusel über die badische Revolutionsarmee. Die anschließende Säuberung war innert kürzester Zeit abgewickelt. Die 27 hingerichteten Aufständischen werden in Baden heute noch als Märtyrer der Demokratie verehrt.

Goldmedaille zu 25 Dukaten von F. W. Kullrich auf die Niederschlagung der Badischen Revolution durch Kronprinz Friedrich Wilhelm, den späteren Wilhelm I., im Jahr 1849. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. NGC MS64 DPL. Fast Stempelglanz. Taxe: 12.500 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 158

Goldmedaille zu 25 Dukaten von F. W. Kullrich auf die Niederschlagung der Badischen Revolution durch Kronprinz Friedrich Wilhelm, den späteren Wilhelm I., im Jahr 1849. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. NGC MS64 DPL. Fast Stempelglanz. Taxe: 12.500 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 158

Die konservativen Kräfte sahen das anders. So schrieb Friedrich Wilhelm IV. am 14. Juni 1849 an seinen Bruder: „Wir haben es nun einmal mit Teufeln zu tun. Darum kann man Deinen Auftrag eine Engelsmission nennen.“ Genau dies fängt diese Medaille ein. Sie identifiziert Wilhelm mit dem Erzengel Michael, der das Paradies vor dem Bösen beschützt. Michael, Patron aller Soldaten, tritt uns als kraftvoll-geflügelte Gestalt entgegen, die in der linken Hand den Schlüssel zur Pforte des Paradieses schwingt, um in der rechten Hand eine lange Kette zu halten, mit der die Mächte des Bösen – dargestellt als Drache – gefesselt sind.

Diese Gleichsetzung mit Michael wurde noch weitergeführt. Für ein Denkmal in Karlsruhe, das die preußische Operationsarmee ihren gefallenen Kameraden errichtete, stiftete Friedrich Wilhelm IV. ein Bild des Erzengels. Dieser schmückte dann auch das Michaelsdenkmal, das Friedrich Wilhelm 1853 als Geschenk für seinen Bruder in Potsdam errichten ließ.

Preußische Soldaten des Revolutionsdenkmals in Schopfheim - beschrieben werden sie folgendermaßen: "diszipliniert, fortschrittlich, geklont, Pickelhaubenträger." Foto: KW

Preußische Soldaten des Revolutionsdenkmals in Schopfheim – beschrieben werden sie folgendermaßen: „diszipliniert, fortschrittlich, geklont, Pickelhaubenträger.“ Foto: KW

Die heutige Begeisterung für die demokratischen Revolutionäre hätten Wilhelm und viele seiner Zeitgenossen genauso wenig verstanden wie heutige Künstler und Literaten die konservativen Kräfte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie nennen sie oft pauschal „die Reaktion“ und stellen ihre Vertreter gerne als entmenschlichte Militaristen dar.

Generalitätsmedaille in Gold zu 120 Dukaten von E. Weigand und F. W. Kullrich, verteilt anlässlich der Berliner Siegesparade am 16. Juni 1817. Nur 25 Exemplare geprägt. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Fast Stempelglanz. Taxe: 75.000 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 191

Generalitätsmedaille in Gold zu 120 Dukaten von E. Weigand und F. W. Kullrich, verteilt anlässlich der Berliner Siegesparade am 16. Juni 1817. Nur 25 Exemplare geprägt. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums, aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Fast Stempelglanz. Taxe: 75.000 Euro. Aus Auktion Künker 442 (23. Juni 2026), Nr. 191

Wilhelms Selbstwahrnehmung – Der erste Soldat seines Staates

In Deutschland haben viele nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, während der langen Friedenszeit, die darauf folgte, vergessen, dass ein starkes Militär mehr Handlungsoptionen beinhaltet. Wilhelm I. war sich wegen seiner Kindheitserlebnisse dessen stets bewusst. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf sollten wir einen Blick auf eine weitere Medaille werfen, die uns zeigt, wie Wilhelm I. wahrgenommen werden wollte. Es handelt sich um „die“ zentrale numismatische Ikone der deutschen Geschichte, um die Goldmedaille, die Wilhelm I. anlässlich der großen Siegesfeier in Berlin am 16. Juni 1871 den 45 kommandierenden Generälen übergab.

Schon ihre Darstellung ist bemerkenswert: Auf der Vorderseite sehen wir die Namen der 24 Geehrten. Sie sind in der protokollarischen Reihenfolge aufgeführt, in der sie bei der Siegesparade einritten. Wilhelm I., eben erst zum deutschen Kaiser gekrönt, ist einfach nur mit seinem Porträt vertreten. Ohne Lorbeerkranz. Ohne Titel. Ohne ehrende Inschrift. Ein Musterbeispiel an kaiserlicher Zurückhaltung. Wir wissen, wie ablehnend Wilhelm I. dem Kult um seine Person gegenüberstand. Vielleicht ein Grund, warum es Bismarck gelang, sich selbst alle Verdienste an der Reichseinigung Deutschlands zuzuschreiben.

Auch auf der Rückseite suchen wir Wilhelm I. vergebens. Sie zeigt stattdessen die sitzende Germania, die sich nach ihrem Sieg über Frankreich wieder friedlich niedergelassen hat. Wir sollten nicht vergessen, dass es Frankreich war, das am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärte – Emser Depesche hin oder her. Das spiegelt auch ihr Bild. Sie sitzt im Kettenpanzer da, Schild und Speer in der Hand und jederzeit bereit, einen Angriff abzuwehren. Victoria bekränzt sie mit einem Kranz von Lorbeer; rechts steht eine vieldeutige Gestalt – Pax? Fortuna? – mit Füllhorn und einem Eichenzweig, wie er gerne genutzt wurde, um auf das Bürgertum zu verweisen. Im Abschnitt sehen wir ein Kreuz, dessen Form auf einen der berühmtesten preußischen Orden verweist, auf das Eiserne Kreuz.

Mit diesem Eisernen Kreuz verbindet die Medaille den Sieg von 1871 mit den Befreiungskriegen gegen das napoleonische Frankreich, während derer diese Auszeichnung geschaffen wurde. Sie erinnerte den 74-jährigen an seine Erlebnisse als kleiner Bub in jener lange zurückliegenden Nacht des Jahres 1806.

Wilhelm hatte mit dem Sieg über Frankreich sein Trauma bewältigt. Die deutsche Einheit machte sein Reich so stark, dass es Frankreich nicht mehr zu fürchten brauchte.

Dass durch eben diesen Sieg die Franzosen ihrerseits ein Trauma entwickelten, das nach dem Ersten Weltkrieg schreckliche Folgen für das deutsche Reich haben sollte, das konnte sich Wilhelm I. damals mit Sicherheit nicht vorstellen.

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