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Gräbener zieht von Netphen nach Göppingen

Rückgang der Bargeldnutzung in Kombination mit der chronischen Geldknappheit von Regierungen: Harte Zeiten für Münzstätten und die Zuliefererindustrie. Wird auf Münzprägepressen bald Munition produziert?

von Ursula Kampmann

Inhalt

Es ist eigentlich nur eine kurze Meldung, die wir hier wörtlich wiedergeben: „Aufgrund der anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schließt ANDRITZ Schuler die Fertigung der Münz- und Medaillenprägepressen am Standort der Unternehmenstochter ANDRITZ Gräbener im nordrhein-westfälischen Netphen. Die Produkte sollen künftig zusammen mit den Anlagen von ANDRITZ Schuler am Hauptsitz in Göppingen entstehen, die Verlagerung und der nötige Wissenstransfer sind bereits angelaufen. Der Standort in Netphen bleibt als Service-Stützpunkt erhalten.“ Diese Meldung kommt einem kleinen Erdbeben gleich, wenn man weiß, dass weltweit praktisch alle Münzpressen für Umlaufmünzen und staatliche Gedenkmünzen entweder von Schuler oder von Gräbener geliefert werden.

Ein Blick auf den Markt

Es gibt heute mehr oder weniger drei Lieferanten von Prägepressen für Münzen. Schuler ist einsame Spitze, wenn es um Umlaufmünzen in großen Mengen – auch in Bimetall oder mit Polymerring – geht.

Gräbener hat vielfältig einsetzbare Münzpressen entwickelt, die sich perfekt für kleinere Mengen an Umlaufmünzen und größere Auflagen von Gedenkmünzen eignen.

Dann gibt es noch einen dritten, unabhängigen Anbieter, dessen Münzpressen vor allem bei der Stempelherstellung und im Bereich Kleinstauflagen aufwändig zu produzierender Gedenkmünzen genutzt werden: Sack & Kiesselbach.

Schuler gehört seit 2013 de facto, seit 2020 vollständig zur Andritz-Gruppe, die sich als „weltweit führender Anbieter von Prozesstechnologien“ bezeichnet. Damit ist Andritz nicht nur Eigentümer der Sektion Prägepressen des Maschinenherstellers Schuler, sondern auch von Gräbener. Denn Gräbener Pressensysteme wurde bereits 1985 aus dem ursprünglichen Unternehmen herausgelöst und 1988 von Schuler übernommen.

Produktion auf Höchsttouren

Damit hatte Schuler den richtigen Riecher, denn mit dem Fall des Eisernen Vorhangs änderten sich die Voraussetzungen für die Zuliefererindustrie grundlegend. Zunächst zerfiel im Dezember 1991 die Sowjetunion: Viele neue Staaten entstanden. Einige von ihnen wollten ihre eigenen Münzen im eigenen Land prägen. Das waren glorreiche Zeiten für Schuler: In Zusammenarbeit mit anderen Zulieferern offerierte man den jungen Nationen schlüsselfertige Komplettlösungen.

Das Geschäft wuchs noch einmal mit dem Euro. Ab 1998 bereiteten sich die europäischen Münzstätten darauf vor, alle Umlaufmünzen einiger der volkreichsten Länder Europas zu ersetzen. Dafür mussten sie ihren Maschinenpark komplett erneuern. Die Nachfrage nach schnelleren, immer schnelleren und noch schnelleren Prägepressen stieg. Schuler entwickelte Hochleistungsautomaten. Gräbener lieferte dazu die Pressen, auf denen die Gedenkmünzen entstanden.

Krise der Münzindustrie

Nach Einführung des Euros fiel die Nachfrage in sich zusammen. Lediglich die Kleinstmünzen mussten jedes Jahr in größeren Mengen geprägt werden, weil sie ständig aus dem Umlauf verschwanden. Das hieß viele freie Kapazitäten, weil die schnellen Münzpressen die Münzen eines ganzen Lands in wenigen Wochen / Monaten herstellten.

Damit war der weltweiten Preiskampf um die Herstellung der Umlauf- und Gedenkmünzen von Drittländern ohne eigene Münzstätte eröffnet. Wer dabei mithalten wollte, brauchte die neuesten, schnellsten Maschinen und produzierte trotzdem manchmal gerade nur kostendeckend, um freie Kapazitäten zu füllen.

Weltweit kristallisierten sich die britische Royal Mint und die Mint of Finland als wichtigste Player im Umlaufbereich heraus. Aber auch viele kleinere Münzstätten mischten mit. Nennen wir an dieser Stelle nur die Royal Dutch Mint, die eine Fehlkalkulation solch eines Auftrags ihre Existenz kostete.

Doch auch die Großen blieben auf Dauer nicht verschont. Die Royal Mint stellte 2024 die Herstellung von Umlaufmünzen für Drittländer komplett ein; und die Mint of Finland fahndete lange Zeit verzweifelt nach einem Käufer, ehe sie im Frühjahr 2025 ihre Tätigkeit einstellte.

Marktlage

Heute sieht der Markt für Umlaufmünzen düster aus. Deshalb pushen so viele Münzstätten das Geschäft mit dem Sammler. Doch der Sammlermarkt verlangt nach Kleinstauflagen in aufwändiger Technik. Und wenn es um die Maschinen dafür geht, ist Sack & Kiesselbach eher der Spezialist wie Schuler oder Gräbener.

Damit haben wir den Grund für das strategische Zusammenlegen von Knowhow bzw. die Konzentration von fähigen Konstrukteuren und Technikern in Göppingen.

Munition als Alternative?

Auch wenn die Herstellung von Prägepressen derzeit in der Krise steckt, müssen die Ingenieure nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten. Denn die Automaten, die für die Münzherstellung genutzt werden, können mit marginalen Umbauten für die Produktion von Munition eingesetzt werden.

Russland als Vorbild

Um zu sehen, wie das funktioniert, brauchen wir nicht in die Vergangenheit zu gehen. (Auch wenn wir das tun könnten. Viele Münzstätten stellten früher Munition her.) Wir werfen einfach einen Blick nach Russland.

Vier wesentliche Techniken der Prägung von Umlaufmünzen brauchen wir auch bei der Herstellung von Munition:

  1. Stanzen
  2. Kaltumformung – bei der Münze das Aufpressen des Münzbildes; bei der Patrone das Tiefziehen
  3. Oberflächenbehandlung wie die Galvanik
  4. Qualitätskontrolle

Dass Münzstätten bereits die Sicherheitsstrukturen aufweisen, die auch eine Munitionsfabrik braucht, müssen wir nicht eigens erwähnen.

Im russischen Podolsk / Stadtteil Klimowsk teilen sich seit vielen Jahren das Klimowsker Patronenwerk, das seit neuestem dem staatlichen Rüstungskonzern Russlands untersteht, und Rondenproduzent GURT ein Gelände. In wie weit bei freien Kapazitäten Aufträge ausgetauscht werden, ist natürlich nicht einsehbar, dass es getan wird aber wahrscheinlich.

Münzpressen zu Munitionspressen

Mit anderen Worten: Metallstanzen und Pressen zum Tiefziehen bzw. Kaltumformen lassen sich mit wenig Aufwand in Maschinen umwandeln, auf denen Munition hergestellt werden kann. Und damit haben Schuler und Gräbener einen lukrativen Markt, der in den nächsten Jahren noch dramatisch wachsen dürfte.

Leider.

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