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Paul Hollis: US-Münzstätten-Direktor in kontroversen Zeiten

Eigentlich ist es der Wunschtraum aller Münzsammler: Kein Politiker, kein Beamter, nein, ein Münzbegeisterter wird zum neuen Direktor der US-Münzstätte. Aber Münzhändler Paul Hollis wird seine diplomatischen Fähigkeiten beweisen müssen. Nie waren Münzmotive kontroverser!

von Ursula Kampmann

Inhalt

Sagen wir es gleich: Leicht wird es Paul Hollis in seinem Amt als neuer Direktor der US-Mint nicht haben. Denn nie zuvor wurde kontroverser diskutiert, welche Motive auf den amerikanischen Münzen (und natürlich auch Banknoten) zu sehen sein sollen. Nie zuvor wurde jede einzelne Äußerung eines Münzstätten-Direktors politisch interpretiert und gedeutet. Das dürfte Paul Hollis spätestens während seiner Anhörung gemerkt haben. Zwei Senatoren fragten ihn, welche Haltung er gegenüber den Entwürfen zur 1 Dollar-Münze mit dem Porträt von Präsident Trump einnehmen würde. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet dieser Moment auf Youtube festgehalten ist. Paul Hollis ist erfahren im Umgang mit Medien und Politikern. Er gehört zu denen, die nie um das richtige Wort verlegen sind. Und doch spürt man ein kurzes Zögern, ein fast unmerkliches Zittern in seiner Stimme, wenn er formuliert, dass er sich an den Gesetzesrahmen halten wird. Und der ist kompliziert. Er sieht aktuell vor, keine lebenden Präsidenten auf Münzen abzubilden und keine lebenden Personen auf der Rückseite abzubilden. Mit anderen Worten, es gibt da durchaus eine Gesetzeslücke…

Porträt von Paul Hollis, 41. Direktor der amerikanischen Münzstätte. Foto: Ryanmatthewmahoney. cc-by-ss 4.0

Porträt von Paul Hollis, 41. Direktor der amerikanischen Münzstätte. Foto: Ryanmatthewmahoney. cc-by-ss 4.0

Vom münzverrückten Buben zum Münzstätten-Direktor

Wer ist dieser neue Direktor der US-Mint? Er selbst möchte seine Lebensgeschichte am liebsten so erzählen: Mit sieben Jahren schenkte ihm die Großmutter einen Peace Dollar, der ihn restlos für die Numismatik begeisterte. Während andere Jungs beim Baseballspielen davon träumten, irgendwann ein großer Sportstar zu sein, war sein einziges Ziel, Münzstätten-Direktor zu sein. Sagt Hollis.

Nach Studienende 1994 ging er zu Blanchard & Co. Europäern, die diesen Namen nicht kennen, sei verraten, dass die 1975 von Jim Blanchard gegründete Firma heute zu den weltweit größten Unternehmen gehört, die Gold und andere Edelmetalle an potentielle Investoren vertreiben. 300.000 Kunden zählte Blanchard & Co. bereits im Jahr 2000, also bevor Gold und Münzen nach September 11 ihren Langzeit-Höhenflug antraten.

Blanchard & Co. vermittelt nicht nur Bullion, sondern auch numismatische Schätze. Hier fand 2001 der private Verkauf des Saint-Gaudens Double Eagle im Hochrelief statt. Damit war Blanchard das erste Unternehmen, dem es gelang, eine Münze für einen siebenstelligen Betrag zu verkaufen. Das war gleichzeitig das Jahr, in dem Paul Hollis Blanchard & Co verließ.

Hollis dürfte sein Talent als Verkäufer entdeckt haben. Er muss verstanden haben, wie viel Geld sich damit erwirtschaften ließ, hochkarätige Münzen an Investoren zu vermitteln. So gründete er 2003 in Mandeville (Louisiana) die eigene Münzhandlung: Paul Hollis Rare Coins.

Er wurde schnell bekannt. Denn Hollis ist nicht nur ein profunder Kenner der amerikanischen Numismatik, sondern auch ein begnadetes PR-Talent, das genau weiß, wie die Menschen gestrickt sind. So organisierte er 2008 im Münzmuseum der ehemaligen Münzstätte von New Orleans die Ausstellung des nur in einem einzigen Stück existierenden, dort geprägten 10 $ von 1844. Werbewirksam erfuhren die Medien, dass die Münze mit 2,5 Mio. $ versichert sei. Das Resultat: 20.000 Besucher wollten die Münze sehen, die 2,5 Mio. $ wert sein soll.

Kurz darauf, ließ er anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Lincoln Cents 40.000 dieser Münzen an Schüler verteilen, selbstverständlich hübsch gegradet mit Zertifikat und allem drum und dran. Die Schüler seiner eigenen Highschool, der John Quincy Adams Middle School in Metairie, erhielten im gleichen Jahr im Rahmen einer großen Zeremonie einen John Quincy Adams Presidential Dollar – ebenfalls gegradet und mit einem Zertifikat aus echtem Banknotenpapier.

Paul Hollis versteht es eben, einem Event seinen Rahmen zu geben. Er ist in der numismatischen Gemeinschaft amerikanischer Sammler und Händler hervorragend vernetzt, hat selbst publiziert und weiß, wie er sich inszeniert. Sein Testimonial ist eine Goldmünze mit dem berühmten Indian Head, die seine Großmutter lange Jahre um den Hals getragen haben soll, ehe sie sie ihm schenkte. Seitdem will Hollis sie immer in entscheidenden Momenten seines Lebens dabeigehabt haben. Als er seine Prüfungen machte, als er heiratete, und natürlich auch bei Anhörung und Amtseinführung.

Politiker Hollis

Das ist die eine Seite des neuen Münzstätten-Direktors, die andere ist seine profunde Kenntnis des politischen Systems. Denn er stammt aus einer bestens vernetzten Politikerfamilie. Sein Vater Jesse Kendrick „Ken“ Hollis (1942-2010) war zwischen 1982 und 2008 Louisiana State Senator und gilt als einer der profiliertesten Politiker seiner Heimat. Er trat als überzeugter Republikaner ohne Berührungsängste für die Rechte homosexueller Amerikaner ein, und zwar aus persönlicher Betroffenheit. Einer seiner Söhne ist homosexuell. Der begleitete seinen Bruder Paul übrigens zusammen mit vielen anderen Mitgliedern der Familie zur Anhörung vor dem Senat. Man könnte aus dieser kleinen Geste schließen, dass Republikaner Paul Hollis eine Persönlichkeiten des Ausgleichs ist, wie sie es in den USA im Moment so dringend braucht.

Aber zurück zu seiner politischen Karriere. Er studierte nämlich nicht Numismatik oder Geschichte, wie man es von einem Münzbegeisterten erwarten könnte, sondern Politikwissenschaften und machte an der Louisiana State University 1994 seinen Abschluss. 2011 wurde er in das Repräsentantenhaus von Louisiana gewählt, wo er drei volle Legislaturperioden absolvierte und in mehreren Ausschüssen tätig war.

Im Repräsentantenhaus freundete sich Hollis mit Mike Johnson an, derzeit Sprecher des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten. Bei einer zufälligen Begegnung soll die Idee geboren worden sein, dass Paul Hollis Münzstätten-Direktor werden könnte.

Was ist vom Münzstätten-Direktor Hollis zu erwarten?

Es ist bemerkenswert, wie es Paul Hollis gelingt, mit seiner Vita den einfachen Sammler dazu zu bringen, sich mit ihm zu identifizieren. Einer von uns hat es geschafft, das ist der allgemeine Tenor, der in numismatischen Medien zu lesen ist. Interessant ist das vor allem, weil es Paul Hollis tatsächlich wichtig zu sein scheint, was die Sammler von ihm denken. Er nimmt ihre Anliegen ernst, und man glaubt ihm, dass ihm die amerikanische Münzprägung ein Anliegen ist, vor allem in kontroversen Zeiten wie diesen.

Zankapfel Münzdesign

Denn auch in den Münzbildern wird der amerikanische Kulturkampf ausgetragen. 2026 feiern die USA 250 Jahre ihrer Gründung – auch mit einem umfassenden Münzprogramm, das auf den Umlaufmünzen zu sehen sein wird. Aber was wird auf dort zu sehen sein? Wie erzählt die amerikanische Regierung heute ihre Geschichte? Dies wurde kurz vor knapp noch einmal grundlegend geändert. Nun spielen Frederick Douglass und die Abschaffung der Sklaverei keine Rolle mehr. Die guten, alten Pilgerväter sind stattdessen zurück. Frauenrechte? Aber nicht doch, lieber wieder den bewährten Unabhängigkeitskrieg. Auch Ruby Bridges gibt es nicht mehr. Für diejenigen unter Ihnen, die diesen Namen wie ich noch nicht gehört haben: Diese mutige kleine afroamerikanische Schülerin bestand 1960 darauf, eine Schule ihrer Wahl zu besuchen, wie es das Gesetz ihr erlaubte. Das war allerdings nur unter dem Schutz von vier U.S. Marshalls möglich. „Rubys Münze“ ist jetzt der Ansprache von Gettysburg gewidmet, klassisches Bildungsgut in den USA mit dem d großen Vorteil hat, dass jeder in sie hineininterpretieren kann, was er will.

Wahrscheinlich werden diese neuen Motive bei den Sammlern hervorragend ankommen. Schließlich wissen wir, dass Sammler das bevorzugen, was sie bereits kennen. Und sind wir uns ehrlich: ganz allein mit den Minderheiten lässt sich die Geschichte der USA auch nicht erzählen. Der Mix macht’s, ein Mix, der immer Kompromiss sein muss. Und Kompromisse sind derzeit nirgendwo auf der Welt in Mode.

Leitziele für die Amtsführung

Paul Hollis dürfte sich all dieser Probleme bewusst sein. In seiner Antrittsrede machte er es wie Abraham Lincoln und formulierte seine Ziele so allgemein, dass sich jeder mit ihnen identifizieren kann. Effizient und transparent soll die US-Mint arbeiten, um einen substanziellen Geldbetrag an das US-Treasury auszuschütten. Dafür will er die Produktion verbessern und die Verbindung zu Sammlern und Investoren stärken. Er möchte neue Sammler gewinnen, indem er die spannenden Geschichten hinter der amerikanischen Münzprägung erzählt.

Ja, das möchten sie alle. Damit hat Hollis eigentlich nichts anderes wiedergegeben als seine Jobbeschreibung. Und doch: Wie dürfen wir sein Bekenntnis verstehen, sich strengstens an alle gesetzlichen Vorgaben zu halten und im Zweifelsfall die Rechtsabteilung der Münzstätte heranzuziehen? Ist das eine Absage an die Befürworter eines Porträts von Trump? Oder doch das Signal, dass sich Paul Hollis der übergeordneten Macht fügen wird?

Vielleicht will sich Politiker Paul Hollis auch einfach nicht festlegen. Wir werden es sehen. Ich jedenfalls beneide den neuen Direktor der US-Münzstätte nicht um seine Aufgabe.

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