Reischauer: Wo die Gedenkmünzenprägung revolutioniert wurde
Ist Ihnen aufgefallen, dass ein großer Teil unserer Gedenkmünzen heute ein wesentlich höheres Relief hat? Hinter diesem Paradigmenwechsel steht Reischauer, eine private Münzstätte in Idar-Oberstein, die modernstes Ingenieurwesen mit mehr als einem Jahrhundert Erfahrung verbindet.
von Ursula Kampmann
Inhalt
Im Januar 2016 präsentierte Dr. Gerd Wagner im Rahmen des Technical Forums der World Money Fair eine Entwicklung der privaten Münzstätte Reischauer, die die gesamte Gedenkmünzenprägung revolutionieren sollte: Dort produzierte man neu Spezialronden nicht mehr aus einem mehrfach gewalzten Zain, sondern aus Metallpulver. Diese Ronden hatten ganz andere Prägeeigenschaften als die traditionellen. Sie ließen sich leichter verformen und konnten bereits bei der Herstellung exakt an das Endprodukt angepasst werden. Erzeugnisse aus Pulverronden sind heute überall in den Münzhandlungen zu sehen. Wir stellen Ihnen in diesem Beitrag die Firma Reischauer vor, wo die Entwicklung ihren Anfang genommen hat.

Münzen, die vorher niemand für möglich gehalten hätte: Hommage an den Baustein unserer Kindheit
Tradition, modernste Ingenieurskunst und ein Schatz an handwerklicher Erfahrung
Die private Münzstätte Reischauer blickt auf mehr als 100 Jahre Geschichte zurück. Gegründet wurde sie als Gold- und Silberscheideanstalt, um die aufstrebende Schmuckindustrie in Idar-Oberstein zu beliefern. Bald produzierte Reischauer Halbfabrikate für Juweliere und Beschläge für noble Ledertaschen. In der Blütezeit von Idar-Oberstein arbeiteten mehr als 300 Personen bei Reischauer. Doch in den 1990er Jahren verlagerten sich die traditionellen Geschäftsfelder durch die Globalisierung.
Das hätte das Ende von Reischauer bedeuten können, hätte man sich dort nicht bereits in den 1970er Jahren erfolgreich ein zweites Standbein aufgebaut: die Gedenkmünzenherstellung. Sie entwickelte sich zur Überlebensstrategie, als ein großer Teil der Geschäftsräume der verheerenden Flutkatastrophe von 1995 zum Opfer fiel.

Münzen wie Kronkorken aus der Münzstätte Reischauer
Seitdem sind viele Gedenk- und Anlageprodukte bei Reischauer entstanden. Vor allem nachdem Dr. Gerd Wagner 2001 den Betrieb übernahm. Der findige Ingenieur schwor sein Team auf das Motto ein, mit dem Reischauer die Münzindustrie revolutionierte: „Das bekommen wir hin.“ Diese Worte wurden zu einer Art Mantra, zu einer gelebten Überzeugung jedes einzelnen der rund 65 Mitarbeiter. Die erfahrenen Handwerker und Handwerkerinnen, die durchschnittlich(!) fast 20 Jahre bei Reichauer arbeiten, fertigen Gedenkmünzen an, die vorher niemand für möglich gehalten hätte.
Seit 2024 ist Reischauer Teil der in Pforzheim beheimateten HM Gruppe. Unter dem neuen Geschäftsführer Thomas Köninger freut sich die Belegschaft darauf, für Kunden aus aller Welt immer wieder das Unmögliche möglich zu machen. „Wir setzen bei Reischauer auf gute alte deutsche Handwerkskunst gepaart mit modernstem Ingenieurswesen. Wir sind gespannt auf alle Herausforderungen, vor die uns die großartigen Ideen unserer Auftraggeber weltweit immer wieder stellen.“ sagt Thomas Köninger.

Alles fängt mit Pulver an
Was ist eigentlich das Geheimnis des Hochreliefs?
Klären wir zunächst das Geheimnis, wie moderne Münzstätten mehr als anderthalb Jahrhunderte nach dem Ausrangieren der Spindelpresse wieder Reliefs erzeugen, wie man sie zuletzt bei den Medaillen des 19. Jahrhunderts sah.
Dr. Gerd Wagner adaptierte dafür eine Technik, die zuvor hauptsächlich in der Raumfahrt und für besonders stark belastete Motorkomponenten eingesetzt wurde. Aus Pulver hergestellte Metallteile zeichnen sich wegen ihrer Kristallstruktur nämlich durch viele für die Münzproduktion wünschenswerte Eigenschaften aus. Sie sind wesentlich besser verformbar, was auch für schwierig zu prägende Metalle gilt. Man denke in dem Zusammenhang nur an Platin. Zu begreifen, dass man dieses Verfahren für die Münzindustrie im großen Stile nutzbar machen kann, wird immer das Verdienst von Dr. Gerd Wagner bleiben.

Schaubild des Verdüsungspozesses
Um eine Hochreliefprägung herzustellen, muss erst einmal Pulver von der gewünschten Legierung entstehen. Dafür wird Gold, Silber, Platin oder jedes andere Edelmetall mit exakt dem Feingehalt eingeschmolzen, den das Endprodukt haben soll. Die Flüssigkeit wird nicht sofort in eine Form gegossen, sondern mit Hilfe von Wasser in winzige Partikel zerstäubt oder, wie der Fachmann sagt, verdüst. Dem dabei entstehenden Metallschlamm wird in einem mehrstufigen Prozess das Wasser entzogen; das zurückbleibende Pulver wird fein gesiebt.
Übrigens, einer der wesentlichen Vorteile des Verfahrens ist, dass sich mit seiner Hilfe auch Mischungen erzeugen lassen, die beim Schmelzen unmöglich sind. Gold und Osmium zum Beispiel lassen sich nicht legieren. Wenn man aber ihre Pulver mischt, kann man Ronden aus Gold und Osmium produzieren.
Mit dem Pulver beginnt nun das, was jeder von uns kennt, der in seiner Kindheit im Sand gespielt hat: Das Material wird in eine Form gepresst. Um diese Form haltbar zu machen, wird das Material versintert. Umgangssprachlich nennt man diesen Prozess anschaulich das „Backen“. So verbinden sich die Pulverpartikel zu einer flexiblen, aber stabilen Ronde, die häufig so geformt ist, dass das Material an den Punkten der Ronde zur Verfügung steht, an denen man es später für die Prägung braucht.
Bevor das aber geschieht, erfolgt eine ausführliche Qualitätskontrolle. So stellt das Reischauer Team sicher, dass jede Ronde den hohen Anforderungen entspricht, die man an sich selbst stellt. Ronden, die diesen Test nicht bestehen, werden sofort wieder eingeschmolzen.
Thomas Köninger sagt über diesen wichtigen Geschäftszweig des Unternehmens: „Wir stellen heute ungefähr genauso viele Ronden im Puderverfahren her wie im traditionellen Verfahren über Zain und Ausstanzen. Wir haben das Puderverfahren derart perfektioniert, dass wir 2.500 Ronden in einer einzigen 8-Stunden-Schicht herstellen.“
Alles unter einem Dach
Bei Reischauer ist man stolz darauf, alle, wirklich alle Prozesse der Gedenkmünzenherstellung unter einem Dach zu vereinen, was so in dieser Vollständigkeit von vielen staatlichen Münzstätten heute nicht mehr abgedeckt wird. Damit ist Reischauer extrem flexibel, selbst wenn die Kundenwünsche ein bisschen extravagant werden. Auch die Lieferzeiten sind beeindruckend. In dringenden Sonderfällen können Aufträge in 20 Werktagen bewältigt werden.
Nehmen wir einmal an, eine Gedenkmünze wird bestellt, dann wird das Verkaufsteam bereits vor der Angebotserstellung mit den Kollegen von der Produktion und dem Design abklären, ob sich das Konzept in die Realität umsetzen lässt. Denn was als Zeichnung gut aussieht, lässt sich oft nicht in einen Stempel übertragen. So werden bei Reischauer Schwierigkeiten besprochen und Designs zu einem Zeitpunkt angepasst, zu dem die Probleme noch gar nicht aufgetreten sind.

Ein Special für den amerikanischen Markt: Die Freiheitsfackel von Lady Liberty
Nach Auftragserteilung führt der erste Schritt in die Design-Abteilung, wo die Kundenentwürfe zur dreidimensionalen Anweisung für die Lasergravur werden. Auch wenn heute die Prägewerkzeuge meist mit dem Laser hergestellt werden, verfügt Reischauer über Graveure, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt haben, und im Bedarfsfall in die Stempelherstellung eingreifen. Das bedeutet, dass bei Reischauer immer noch das erfahrene menschliche Auge entscheidet, was und wie etwas perfektioniert werden kann.
Während die Prägewerkzeuge hergestellt werden, entstehen in einer anderen Abteilung bereits die passenden Ronden. Ob traditionell aus einem Zain ausgestanzte Ronde, ob Pulverronde: Bei Reischauer wird der gesamte Prozess abgedeckt. Bei der klassischen Ronde sind das das Legieren und Schmelzen, die Herstellung des Zains, das Walzen auf die gewünschte Dicke, das Ausstanzen und die Randgestaltung.
Weil alle Prozesse im Haus durchgeführt werden, kann Reischauer nicht nur die Standardronden anbieten, sondern liefert exakt die gewünschte Legierung sowie überraschende Formen und Größen. Das Gute dabei: Die Mitarbeiter haben oft alle Abteilungen durchlaufen und wissen genau, was ihre Kollegen brauchen. So arbeitet das ganze Team Hand in Hand.
Zuletzt kommen Prägung und Nachbearbeitung. Auch hier beherrscht Reischauer alle gängigen Techniken: von der aufwändigen Patinierung über Farbdruck und Galvanik bis hin zur Verpackung.

Detail aus einer bei Reischauer entstandenen Hochreliefprägung
Gute deutsche Wertarbeit
Während andere Betriebe auf Automatisierung und Beschleunigung setzen, steht bei Reischauer der Mensch und die Handarbeit im Mittelpunkt. Das ermöglicht es, auch kleine Auflagen mit spektakulärem Design zu realisieren, wie sie sich heute viele Sammler wünschen. Die große Erfahrung des Teams sichert die effiziente Abwicklung von kompliziertesten Designideen. Bei Reischauer ist man eben nicht in einer Münzfabrik, sondern in einer hochspezialisierten Werkstätte.
Pläne für die Zukunft
Reischauer gibt es seit mehr als 100 Jahren. Und doch, wer den Betrieb heute besucht, fühlt die Aufbruchsstimmung des Teams. Thomas Köninger, Geschäftsführer von Reischauer, sagt dazu: „Es ist für uns ein echter Vorteil, dass wir über unsere Zugehörigkeit zu HM – früher Heimerle & Meule – gleich mehrere international aufgestellte Partner haben, mit denen wir bestens zusammenarbeiten. So können wir innerhalb der Gruppe alle nur denkbaren Kundenbedürfnisse abdecken. Wir von Reischauer spielen bei HM die Rolle der hoch spezialisierten Werkstätte, die in der Lage ist, noch die komplexesten Kundenideen zu realisieren. Gleichzeitig haben wir unsere Kollegen an der Seite, mit denen wir gemeinsam praktisch alle Bedürfnisse des Münz- und Anlagemarkts abdecken. Damit können wir uns auf das konzentrieren, was wir am besten können: das Unmögliche möglich zu machen. Wir lieben es, großartige Ideen mit aufwändiger Technologie präzise in die Realität umzusetzen.“
Eric Schröck, Betriebsleitung und Technik, fügt hinzu: „Ich bin vor mehr als 35 Jahren als Lehrling in dieses Haus gekommen und habe es wachsen sehen. Ich freue mich über den neuen Schwung, den die Zusammenarbeit mit unseren Partnern bei HM bringt. Von denen sind viele überrascht von unserer Fertigungstiefe.“ Thomas Köninger fügt hinzu: „Mein Traum ist es, dass in ein paar Jahren jeder Sammler, der eine unserer Münzen in die Hand nimmt, weiß, wer wir sind, und spürt, mit welcher Begeisterung wir seine Gedenkmünze geschaffen haben.“




























